Debatte

In unserer Zeitschrift haben wir in den letzten Ausgaben Beiträge zum Thema "overinformed and underpowered" veröffentlicht. Wie geht es Ihnen? Fühlen Sie sich auch gelegentlich überinformiert und mit zu geringen Kräften ausgestattet? Und wenn ja: Wie gehen Sie damit um?

overinformed and underpowered?

Wir möchten Ihre Meinung kennenlernen!

Angesichts der Vielzahl an Problemen, die unsere Aufmerk­samkeit fordern, haben wir manchmal den Eindruck, über zu geringe Kräfte zu verfügen. Und ohnehin können wir doch nur recht wenig selbst ausrichten, oder? Hinzukommt, dass die Informationen, die über uns hereinbrechen, sich oftmals als widersprüchlich oder lückenhaft erweisen. Gelegentlich werden Nachrichten zudem in manipulativer Absicht lanciert ... Manchmal kommt die Versuchung auf, einfach abzutauchen, die ganzen Informationen auszu­blenden, um selbst keine Position beziehen zu müssen ...

Was sind Sie?

Überfordert oder träge?

Schreiben Sie uns per Mail, wir stellen Ihren Kommentar ein! Wie Sie sehen, ist hier viel freier Platz, der gefüllt werden möchte:

Macht und Möglichkeit

Rüdeger Grölz

Beitrag von Rüdiger Grölz, langjähriger Sprecher von pax christi im Bistum Limburg und Handwerksmeister aus Königstein-Mammolshain

 

»Overinformed and underpowered«, diese Bemerkung von Dorothee Sölle, einer feministischen und pazifistischen Theologin, hat auch mich immer wieder beschäftigt. Es ist eine Formulierung, die durchaus ein Seufzen sein könnte. Ein Beklagen der subjektiv als unzulänglich empfundenen eigenen Situation.

Nie zuvor hatten wir diese Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Wir können Zeitungen und Bücher lesen, Gespräche führen, im Internet recherchieren und Newsletter kommen lassen bis der Augenarzt kommt. Wir können uns vollpumpen mit diesen und jenen Aspekten, die ein Thema, mit dem wir uns gerade beschäftigen, in sich birgt. Mehr Wissen führt aber nicht zu mehr Können, auch wenn Wissen eine Voraussetzung für Können ist – aber nur eine! Es muss noch etwas hinzukommen. Das kennen wir alle aus unserem Alltag. Oft wissen wir sogar, was wir tun sollten, und handeln dennoch nicht.

Zudem: »Overinformed« heißt auch nicht, dass wir versorgt sind mit zutreffenden und wesentlichen Informationen. Gerade heutzutage kommt es mir immer wieder so vor, als würde trotz des Überangebotes Wichtiges nicht gesagt, geschrieben und mitgeteilt. Hinzu kommen Informationen, die sich durch mangelnde Relevanz auszeichnen und eher zur Verschleierung als zum Verständnis beitragen. Trotzdem sind wir weder dumm noch alleine.

Dorothee Sölle sagt dazu: »Wie gering auch immer wir unsere eigene Macht einschätzen, sie ist mit Gewissheit größer, als wir ahnen und wahrhaben wollen. An das, was gemeint war, an das Göttliche – wie vage auch immer! – als die Kraft des Lebens glauben zu lernen, bedeutet auch, nicht den eigenen Berechnungen über Erfolg oder Nutzlosigkeit das letzte Wort zu überlassen. Die Unterwerfung unter den Gewaltgötzen fängt mit der angeblich vernünftigen Einsicht an, dass mit unserer Macht nichts getan ist. Dass wir Nullen sind, nicht einmal der Empörung fähig. Aber in Wirklichkeit schläft ›das von Gott‹, wie die Quäker es nennen, auch in uns und wartet darauf, frei und sichtbar zu werden.«

Uninformiert und träge!

Kommentar von Mirjam Krug, Redakteurin beim SWR in Baden-Baden und pax christi-Mitglied

 

Zuerst einmal glaube ich nicht, dass wir alle überinformiert sind. Leider stelle ich täglich fest, dass viel Menschen gar nicht wissen, was in der Welt passiert. Starten Sie doch mal eine kleine Umfrage auf der Straße. Sicher, es gibt immer die Gruppe der eingeschworenen Deutschlandfunk-HörerInnen und Phoenix-SeherInnen, die sogar jede Bundestagsdebatte verfolgen. Aber das ist der kleinste Teil der Bevölkerung. Als Journalistin arbeite ich jeden Tag daran, möglichst relevante Informationen weiterzugeben, sie einzuordnen, Zusammenhänge zu erklären, unterschiedliche Meinungen darzustellen. Die großen Einschaltquoten und Reichweiten aber haben nicht unsere Nachrichten, Politik- oder Hintergrundsendungen. Unterhaltung, Musik, Quizshows, Klatsch und Tratsch – das macht Quote! Mag sein, dass es ein potenziell großes Informationsangebot gibt, das heißt aber nicht, dass es von der Mehrheit genutzt wird. Nur tatsächlich informierte Menschen haben eine Wahl – ich versuche deshalb weiter, tagtäglich wirklich zu informieren und Interesse zu wecken.
Zum Zweiten halte ich es für eine Schutzbehauptung zu sagen, wir seien »underpowered«. Sicher kann ich nicht von heute auf morgen – am besten noch im Alleingang – »kurz die Welt retten«. Das zu glauben, wäre größenwahnsinnig. Ich weiß aber, dass wir alle – mich eingeschlossen – sehr viel mehr tun könnten. Klar versuchen viele, so ein bisschen was zu ändern: hier mal spenden, fair gehandelten Kaffee kaufen, nicht so oft zum Discounter gehen, der seine MitarbeiterInnen schikaniert … Das ist selbstverständlich besser als nichts. Aber im Zweifel gehen wir doch zu einem der Four-Letter-Shops und kaufen die preiswerten Regale, fliegen mit dem Flugzeug in den Urlaub oder wollen vielleicht doch nicht höhere Steuern zahlen. Das lässt sich selbst bei den sogenannten »Gutmenschen« beobachten. Wenn ich ganz ehrlich bin, weiß ich, dass ich nicht underpowered, sondern träge bin. Also bleibt nur, tagtäglich gegen die eigene Trägheit anzukämpfen und sich ehrlich zu fragen: »Was ist mir wichtig? Wo will ich Schwerpunkte setzen? Und was will ich wirklich verändern?«