Spiritualität

»Macht euch also keine Sorgen« (Matthäus 6,31)

In letzter Zeit treffe ich oft Menschen, die sorgenvoll in die Zukunft blicken. Sie erzählen mir, wie beunruhigt sie sind angesichts erstarkender populistischer Bewegungen. Meldungen über schreckliche terroristische Anschläge machen ihnen Angst. Sie haben Bedenken, dass der Präsident der USA die Welt in ein neues Wettrüsten hineinzieht. Warten nicht Millionen auf die Einreise in unser instabiles Europa? Wie sollen wir das alles schaffen? Sorgen über Sorgen. Und die Angst vor Überfremdung, Terrorismus und sozialem Abstieg spielt jenen in die Hände, die das Heft des Handelns in die Hände »starker Männer« legen wollen. Noch eine Sorge mehr.

Doch halten wir einen Moment inne. Das Wort »Sorge« steht für die »Sorge um« im Sinne eines ängstlichen Besorgtseins, meint aber auch ein »Sorgen für«, die Fürsorge für jemanden. Denken wir mehr ans Besorgtsein, wenn wir über Sorgen sprechen? Dann stehen wir in der Gefahr, durch unsere Ängste blind zu werden für das, was Christen »Sorge« bedeuten sollte.

Bei Matthäus (6,25) lesen wir: »Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?« Damit ist zunächst gemeint, dass wir uns nicht über die Zukunft Sorgen machen sollen. Sören Kierkegaard hat dies in die treffenden Worte gefasst: »Alle irdische und weltliche Sorge geht im Grunde auf den morgenden Tag.« Als Christen, so meint er, sollen wir den heutigen Tag mit dem Ewigen erfüllen, wir sollen »Gegenwärtige « sein, nicht »Selbstplager«, die weder im Heute noch im Morgen wirklich leben.

Christliche Sorge ist Sorge für die Gegenwart. Sie nimmt wahr, was gerade um uns herum geschieht, sie schaut auf Menschen, die heute neben uns gehen und kümmert sich um jene, die im Augenblick unserer Hilfe bedürfen. Sorgen ist nicht abstraktes Reden und ängstliches Lamentieren über die Zukunft, sondern konkretes, kraftvolles Tun im Hier und Jetzt. Denn die Zukunft gestaltet sich in jedem Augenblick. Aus der Sorge für diesen Augenblick gewinnen wir Zuversicht und Hoffnung.

Aber christliche Sorge erschöpft sich nicht im Aufweis der Bedeutung des Gegenwärtigen. Ein anderes »für« ist entscheidend: Wir tragen Sorge für das Reich Gottes auf Erden. Und das heißt: Weil wir Gottes Gegenwart spüren, können wir ihm unsere Sorgen anheimstellen. »Alle Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch« (1. Petrus, 5,7). So werden wir von Angst entbunden, werden zu uns selbst befreit. Dann sehen wir ringsum wohl noch Bedrohliches und mögliche Gefährdung. Aber alle Last der Abwehr liegt nicht mehr auf unseren schwachen Schultern.

Dann können wir auch unsere Sorgen abwerfen. Jene Sorgen, ob der Kühlschrank morgen noch voll ist, die Lebensversicherung ausreicht und die Arbeit noch genug Geld einbringt. Wir vertrauen sie einem Mächtigeren an und verwandeln sie in eine »Sorge für«, die aus seiner Liebe lebt. Die Last des Morgen schwindet. Die Last des Tages aber bleibt. Es ist ja auch »genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat« (Matthäus 6,34).

Unsere Zuversicht, die Last des Tages tragen zu können, erwächst auch aus dem österlichen Versprechen des Auferstandenen, der seine Ewigkeit in jeden Augenblick unseres Lebens legt: »Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.«

Impuls von

Wolfgang Cremer
Kirchenvorstand der evangelischen Kirchengemeinde Idstein

Unser Impuls erscheint in jeder pax christi-Zeitschrift ­auf Seite 3.