Pfingsten - Hochfest

Gedanken zum Pfingstfest von Günter Harmeling.

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Okay, Hochfest. Aber muss das sein? Der „Tisch des Wortes“ biegt sich unter der Last des Buffets aus biblischen Lesungen. Verteilt auf drei Gottesdienste: am Vorabend, Pfingstsonntag, Pfingst-montag. Unmöglich, die alle zu „bearbeiten“, aber sie sollen hier doch wenigstens alle genannt, und einige davon sodann bedacht werden.

AM VORABEND: Genesis 11,1-9 (Turmbau zu Babel / Sprachverwirrung). Oder: Ezechiel 37,1-14 (Die toten Gebeine werden lebendig und der Geist wird in sie eingehaucht). Oder: Joel 3,1-5 (der Geist Gottes wird ausgegossen „über alles Fleisch“). Römer 8,22-27 (Die Schöpfung in Wehen. Was ist Hoffnung? Wie sollen wir beten?) Evangelium: Johannes 7,37-39 (Wer Durst hat, komme zu mir…).

PFINGSTSONNTAG: Apostelgeschichte 2,1-11 (Der Geist Gottes kommt in Sturmwind und Feuerzungen auf die Menschen nieder). 1.Korintherbrief 12,3-13 (Verschiedene Dienste – eine Gemeinde). Evangelium: Johannes 20,19-23 (Der Auferstandene haucht den Jüngern seinen Geist ein).

PFINGSTMONTAG: Apostelgeschichte 10,34-35.42-48a (Das Evangelium für Juden und Heiden). Ephe-serbrief 4,1-6 (Die Gemeinde: Ein Leib und ein Geist). Evangelium: Johannes 15,26-16,3.12-15 (Der Geist der Wahrheit).

Klar, kennen wir alles schon. Irgendwie. Alles schon mal gehört. Ist ja schließlich nicht das erste Pfingsten in unserer ganz persönlichen Kirchengeschichte. Zweierlei:

(1)Das liturgische Catering der Kirche präsentiert hier eine kulinarische Komposition. Alles hat irgendwie miteinander zu tun. Geschmacksnuancen ergänzen sich, das eine baut auf das andere auf, man wird das Süße in seiner Fülle nicht ohne das Bittere in seiner Gänze schmecken. Die Spannung der Nuancen macht den Geschmack, und nicht, dass man das Ganze einem Einheitsbrei verkocht.

(2)Wir haben es hier mit „exotischer Kost“ zu tun. Maximal mediterrane Küche. Alle anderen Zu-taten sind „von noch weiter weg“. Levante, Mesopotamien. Und sie sind nicht nur von weiter weg, sondern auch „von noch früher her“. Wann waren wir das letzte Mal „beim Perser“? Oder beim „Afghanen“? Oder beim „Syrer“?



BABYLONISCHE SPRACHVERWIRRUNG

Wir sind es gewohnt, die Geschichte vom Turmbau zu Babel und der darauf folgenden göttlichen Strafe, nämlich der babylonischen Sprachverwirrung, als „Gegengeschichte“ zu Apostelgeschichte Kapitel 2,1-11 zu lesen. Das ist auch nicht falsch, wenn wir es nur genau genug lesen.

Derzeit gibt es etwa 6.500 Sprachen auf der Welt. Die sich in 180 Sprachfamilien und 120 isolierte Sprachen aufteilen lassen. Litauisch ist vermutlich die älteste Sprache der Welt. 3.000 der gegen-wärtig noch gesprochenen Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Also droht auch hier das „Artensterben“. Durch dieses Sprachensterben gehen unermesslich viele Grammatiken und Seman-tiken verloren. Arten und Weisen, die „Welt“ zu verstehen. Ludwig Wittgenstein: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Die Vereinheitlichung von Sprache und das Verbot von Sprachen sind Instrumente politischer Herrschaft. (Nicolas Evans, Wenn Sprachen sterben – und was wir mit ihnen verlieren, Nördlingen 2014). Mit Sprachpolitik kann man Inklusionen und Exklusionen vornehmen.
LITERATUREMPFEHLUNGEN: Rupert Lay, Manipulation durch die Sprache, Ullstein 1999 // Martin Greiffenhagen, Kampf um Wörter?, Hanser 1980 //  Wolfgang Bergsdorf, Politik und Sprache, Olzog 1978 // Stefanie Schramm & Claudia Wüstenhagen, Das Alphabet des Denkens, Rowohlt 2015 //Kübra Gümüsay, Sprache und Sein, Hanser 2020 // Hubertus Halbfas, Religiöse Sprachenlehre, Patmos 2012 // David Crystal, Die Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Liz.Ausgabe Zweitausendeins-Verlag, 2010 // Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden ,4 Bde. ,Rowohlt 2019 // Elisabeth Wehling, Framing – wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht, Herbert-von-Hahlem-Verlag 2016. - Eine Liste, die sich noch seitenweise fortsetzen ließe.  Was auch nicht Wunder nimmt, wenn wir verstanden haben, dass wir Welt, Mensch (und auch Bibel!) mit „Sprache“ begreifen und mit „Sprache“ darüber kommunizieren. Wie sähe eine Welt und das Verhältnis der Menschen zu ihr und untereinander aus in einer Sprache, die keine Possesivpronomen („besitzanzeigende Fürwörter“) kennt?


TURMBAU ZU BABEL: Die „Geschichte eines Turmbaus bis zum Himmel“ ist Urbestand menschlicher Erzählungen über „wie alles geworden ist“. Oder, noch richtiger: „Warum alles so ist, wie es ist.“ Also beileibe kein Alleinstellungsmerkmal der Bibel (Arno Borst, Der Turmbau zu Babel, 4 Bände, Koblenz 2019). Wir lesen: „Alle Menschen hatten die gleiche Sprache.“ Und sie sprachen: „Auf, lasst uns einen Turm bauen bis zum Himmel, damit wir uns einen Namen machen und uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.“

Die „Weltgeschichte der Städte“ lehrt uns, dass (insbesondere große) Städte immer eine Repräsen-tationsfunktion hatten. (Wolf Schneider, Überall ist Babylon. Die Stadt als Schicksal des Menschen, Düsseldorf 1961). Repräsentationsfunktion zur Demonstration imperialer Macht. Weshalb wir in der Geschichte vom Turmbau zu Babel auch lesen: „Damit wir uns einen Namen machen.“ Wie wir auch heute so sagen: „Rang und Namen haben.“ Wir haben eine Stadt und einen Turm. Haste was, dann biste was! Und: „uns nicht über die Erde zerstreuen“. Identitäre Einheit statt Differenz und Di-versität. Einheitssprache, Einheitskultur, Einheitspartei. Und Wachstum. Bis zum Himmel. Was dem Herrn unserem Gott nicht gefällt.

Nun können wir die Geschichte von der von Gott verfügten Sprachverwirrung (Gen 11,7-9) natürlich als Geschichte von einem „neidischen“ Gott verstehen, der sich in Gefahr sieht, dass die Menschen „den Himmel erobern“. Wir können die Geschichte aber auch „ganz profan“ als Geschichte des zwangsläufigen Untergangs von wachstumsfixierten Imperien lesen (Wolf Schneider, Der Mensch – eine Karriere, Reinbek 2010; John Darwin, Der imperiale Traum, Campus-Verlag 2010). Imperien gehen (auch) an sich selbst, an ihrem eigenen „imperialen Größenwahn“, zugrunde und enden in Verwirrung und Zerstreuung. Gehen zugrunde an ihren „inneren Widersprüchen“ und „Antagonismen“ (Karl Marx).

Das kann man für „schlecht“ halten. Muss man aber nicht. Genauer gelesen, verzichtet die bibli-sche Geschichte vom babylonischen Turmbau auf eine Beurteilung von „gut“ oder „schlecht“. Sie beschreibt einfach, warum etwas ist, wie es ist. Aus der sprachlichen und kulturellen „Monokultur“ entsteht beim Zerfall des Imperiums eine sprachliche und kulturelle „Artenvielfalt“. Die man ja auch positiv sehen kann. Weil es so viele Arten und Weisen gibt, die Welt zu „lesen“ und „in Sprache(n) zu fassen“. Als wechselseitige Bereicherung. Statt ipsistischem Einheitsgrößenwahn. Wer letzterem frönt, wird immer versuchen, durch Sprach- und Kulturpolitik andere Sicht-Weisen zu eliminieren. (E.A. Rauter, Wie eine Meinung in einem Kopf entsteht. Über das Herstellen von Untertanen, München 1971). Weshalb unter solchen „Vereinheitlichungspolitiken“ auch immer wieder „Geheimsprachen“ entstehen, in denen Widerstand und Untergrund organisiert wird. Auch dazu ließe sich noch eine Menge sagen und schreiben. Für meine Begriffe ist die Geheime Offen-barung des Johannes im Neuen Testament ein einziges Dokument einer solchen „Geheimsprache“, in dem die Widersprüche des römischen Einheitsimperiums aufgedeckt, eben: offenbart, werden.

VÖLKER, HÖRT DIE SIGNALE: „Ein Brausen vom Himmel her wie ein heftiger Sturm“ und „Zungen wie von Feuer“, die sich auf alle niederlassen. So kommt der „Heilige Geist“ daher. Von einem „Getöse“ ist hier die Rede! (Apg 2,6). Und: der gesamte Sprach- und Kulturkreis des römischen Imperiums ist hier versammelt! (Apg 2,9-11). Und: Alle wurden mit Heiligem Geist erfüllt und begannen, in fremden Sprachen zu reden. (Apg 2,4).

Also eine „Gegengeschichte zur Babylonischen Sprachverwirrung“?  Darauf zwei Antworten:

Erstens: Nein. Denn: wir haben es hier nicht mit einem „Rückfall“ in eine „Einheitssprache“ (Gen 1,11) zu tun. Weil: Die Sprachen- und damit Kulturvielfalt bleibt ja bestehen! „Denn jeder hörte sie in seiner Sprache reden.“ (Apg 2,6). In allen Sprachen der „oikumène“, des „gesamten Erdkreises“ und „gesamten Sprach- und Kulturkreises“, soweit damals bekannt.

Zweitens: Ja. Aber nicht so einfach. Pfingsten macht die babylonische Sprachverwirrung nicht rück-gängig, sondern hebt sie auf. Und zwar richtig dialektisch mit These – Antithese – Synthese. Hegel und Marx.

(1)These: Vorbabylonische Einheitssprache. (2) Antithese: Nachbabylonische Sprachverwirrung. (3) Synthese: Jeder versteht jeden in verschiedenen Sprachen. Man könnte auch von „Integration durch Differenzierung“ sprechen. (Hartmut Weßler, Multiple Differenzierung und kommunikative Integration – Symbolische Gemeinschaft und Medien, Springer.com).

Oder von der hegel‘schen „Aufhebung“ in ihrem dreifachen Sinn: 1. Die Beendigung einer Ent-wicklungsstufe (z.B. die „Aufhebung“ eines Gesetzes). 2. Das Bewahren ihrer zukunftsträchtigen Seite(n) (Aufheben im Sinne von Aufbewahren). 3. Die Integration der Negation (Sinn 1) und des Bewahrens (Sinn 2) in eine bzw. auf eine „neue Stufe“ (Aufheben im Sinne von „Hochheben“).

Das war jetzt kompliziert. Zugegeben. Es war aber auch die „Auseinanderlegung“ des kleinen Wörtchens „Getöse“, von dem die Apostelgeschichte spricht. „Pfingsten“ ist nämlich nicht, auch wenn wir das vielleicht gernhätten, die „Lösung aller Probleme“. Pfingsten ist, im Gegenteil, die „Mutter aller Probleme“. Angefangen von der Paulus-Petrus-Kontroverse zum Thema „Beschnei-dung“ über die Chinamission der Jesuiten (1742 von Benedikt XIV als zu akkomodativ und inkul-turativ, also zu uneinheitlich, verboten) bis zu heutigen missionstheologischen Inkulturationsfragen und auch zu Fragen der Ökumene. Immer geht es um die Spannung zwischen Differenzierung und Integration. Wegen meiner auch um die „Multikulturalität des Evangeliums“. Wo hört die Differen-zierung auf und wo fängt die „Abweichung“ an? Und wer hat das „letzte Wort“? Sollte überhaupt jemand das „letzte Wort“ haben – oder verwehrt so ein letztes Wort dem Heiligen Geist nicht gar zu wehen, wo er will? Und wer will entscheiden, ob es ein Heiliger oder ein Ungeist ist?

Das alles steckt in Pfingsten. Und noch viel mehr. Aber es soll hier ja auch nur ein „Anriss“ sein. Der, wie jederzeit und überall, mehr Fragen aufwirft als beantwortet.

DIE GEBURTSWEHEN DER SCHÖPFUNG


Kommen wir nun von „dem Wehen“ des Geistes zu „den Wehen“ der Schöpfung (Röm 8,22-27, Le-sung vom Vorabend zu Pfingsten). Aber diese Sequenz werden wir nicht verstehen, wenn wir nicht ein paar Verse zurückgehen. Nämlich auf Röm 8,18-21.

Vers 19: Das ängstliche Harren der Schöpfung (Luther: Kreatur) auf das Offenbarwerden der Menschen als im Heiligen Geist befreite Kinder Gottes.
Vers 20: Die Schöpfung ist gegen ihren Willen unterworfen um dessen willen, der sie unterworfen hat – aber auf Hoffnung hin.
Vers 21: Denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Dienstbarkeit der Korruption, hin zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. (Lateinisch: quia et ipsa creatura liberabitur a servitate corruptionis in libertatem gloriae filiorum Dei).
Vers 22: Die Schöpfung sehnt sich mit uns und ängstiget sich noch immerdar auf das Offenbarwer-den der Menschen als Kinder Gottes.

Ich habe nicht versprochen, dass es einfacher wird als die Geschichten vom Turmbau zu Babel und der Integration durch Differenzierung zu Pfingsten. Wir lesen von einer der Korruption unterwor-fenen Schöpfung, von Angst, von Befreiung, vom Heiligen Geist, der Freiheit bringen soll statt Korruption und Unterwerfung. Freiheit der Kinder Gottes. Ich habe das mit der „Korruption“ ab-sichtlich noch mal im lateinischen zitiert, damit niemand denkt, ich hätte mir da irgendwelchen „links-grün versifften Kram“ ausgedacht, der da so gar nicht in der Bibel steht! Und in der englischen Übersetzung, der King-James-Bibel, lesen wir: „For the creature was made subject to vanity, not willingly, …“. Vanity lässt sich übersetzen mit „Eitelkeit“ und „Nichtigkeit“. „Making (oder being) subject to…“ bedeutet: jemandem unterworfen werden, jemandem unterliegen! Be-zeichnet also ein Herrschaftsverhältnis! - Womit wir auch ein schönes Beispiel haben für das Begreifen der Welt mittels Wörter und Sprachen und mehr oder weniger richtigen Übersetzungen. Was mir Gelegenheit gibt, meinen schon mehrfach andernorts zitierten Konfuzius abermals das Wort zu erteilen: Wir müssen die Begriffe richtig wählen, sonst ist das Gesagte nicht das Gemeinte.

LITERATURHINWEIS: William Makepeace Thackeray, Jahrmarkt der Eitelkeiten (versch. Ausgaben)

Versuchen wir also, zu verstehen: Fangen wir bei Adam und Eva an. Der Mensch. Der von der (verbotenen) Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse isst. Diese „Ursünde“ (des Menschen!) ist der Tatbestand, „per quem tota natura corrupta est.“(durch den die ganze Natur korrumpiert ist; Martin Luther, Concordia). Gegen ihren Willen. Aber durch den Willen des Menschen.

Die „tota natura corrupta“ ist korrumpiert durch die „Korruptivität“ des Menschen. „Recordare te factum ad imagem Dei, quae, etsi in Adam corrupta, in Christo tamen est reformata“ – dazu kommen wir später noch. (Thomas von Aquin). 

„Korruption ist der Missbrauch einer bestimmten Vertrauensstellung.“ (Wikipedia). Genau auf diesen Tatbestand stoßen wir im Hinblick auf „Adam“. Die Arbeitsplatzbeschreibung dieser Vertrauensstellung lesen wir in Genesis 2,15: „Gott nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaue und behüte.“ Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse lag laut Arbeitsplatzbeschreibung ausdrücklich außerhalb dieses Kompetenzbereiches. Und es ging ums Bebauen und Behüten! Und nicht: „Making subject to…“. „Der Mensch“ missbraucht seine Vertrauensstellung, und so nimmt das Unglück seinen Lauf.

FILMHINWEIS: KOYAANISQATSI: Der Film beschreibt die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Ganz ohne Worte werden bildgewaltige Aufnahmen gezeigt, … welche die Auswirkung menschlicher Präsenz auf die Natur beschreiben. - DARK EDEN – DER ALBTRAUM VOM ERDÖL (Der lukrative Ölsand in Fort McMurray, Kanada, dem größten Industriegebiet der Welt – und die Auswirkung seiner Ausbeutung auf Mensch und Natur).

Wir müssen noch einen weiteren lateinisch-theologischen Fachausdruck einführen, um die ganze Geschichte zu verstehen. Und zwar den der „Konkupiszenz“, zu übersetzen mit „heftiges Verlan-gen oder Begierde“. Und: „Die Habgier ist die Wurzel allen Übels.“ (1. Timotheusbrief 6,10). Womit wir nun das ganze Besteck zusammen haben, um zu verstehen, was Paulus im Römerbrief sagen will.

LITERATURHINWEIS: Philippe Gigantès, Macht und Gier in der Weltgeschichte, Köln 2012.

Offenbar tendiert der „alte Adam“ also dazu, „habgierig“ zu sein und durch diese Habgier sowohl sich selbst als „Imagem Dei“ (als Abbild Gottes, s.o. Thomas von Aquin) zu korrumpieren, als auch die Schöpfung seiner habgierigen Korruptivität und seinen „Eitelkeiten“ (vanities, s.o.) zu unterwer-fen. „Der Mensch“ ist der, „durch den (per quem, s.o.) die tota natura corrupta est.“ Wir müssen hier wohl von einem „korrupt-konkupiszenten Totalitätszusammenhang“ sprechen, in den aller Umgang des Menschen mit dem Menschen und Umgang des Menschen mit der „Schöpfung“ verstrickt ist. So total, dass Jahrtausende nach dem Römerbrief Theodor W. Adorno seinen berühmten Ausspruch tun wird: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Th.W. Adorno, Minima Moralia).

Weshalb Paulus schreibt: Die Schöpfung und der Mensch seufzen nach der Erlösung. „Wir“, so schreibt Paulus, „seufzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Kinder (Gottes) offenbar werden.“ (Röm 8,23). Dazu noch einmal Theodor W. Adorno im Schlusskapitel seiner Minima Moralia:

„Zum Ende. - Philosophie, wie sie im Angesicht der Verzweiflung einzig noch zu verantworten ist, wäre der Versuch, alle Dinge so zu betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erlösung aus sich darstellten. Erkenntnis hat kein Licht, als das von der Erlösung her auf die Welt scheint… . Aber es ist auch das ganz Unmögliche,…, weil doch jede Erkenntnis mit der gleichen Entstelltheit und Bedürftigkeit geschlagen ist, der sie zu entrinnen versucht.“ (Th.W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1978, S.333f.)

So weit, so kompliziert. Darüber hinaus ist zu beachten: Paulus spricht nicht von der „Erlösung von unserem Leib“, sondern er spricht von der Erlösung des (unseres) Leibes. Was einen großen Unter-schied macht, um nicht zu sagen: das eine ist das Gegenteil vom anderen. Und sollte nicht verwech-selt werden! Es geht um die „Erlösung“ unserer „weltlichen Leibhaftigkeit“ – und nicht um die Er-lösung von derselben. Dies nicht vergessend, gehen wir einen Schritt weiter.

Wir sind gerettet „auf Hoffnung hin“ (Röm 8,24). Aber: in Geduld und Schwachheit. „Der Geist“ nehme sich der „Entstelltheit und Bedürftigkeit unserer Erkenntnis“ (s.o Adorno) an, so Paulus (Röm 8,26). Der Geist selber seufzt in uns (wie er/sie auch in der Schöpfung seufzt), der Geist tritt für uns ein mit einem Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können (Röm 8,26). Der stumme Schrei der Kreatur! In der Schöpfung und in uns, und in beiden ist es der „Geist“.

Noch einmal zurück: Die Hoffnung zielt auf unser „Offenbarwerden als Kinder Gottes“, auf unsere Befreiung zur „herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“, auf unsere Befreiung von der „Habgier“, der Konkupiszenz, der Korruption. Oder, um es mit Thomas von Aquin zu sagen: auf das Offenbarwer-den unserer „ursprünglichen Gottesebenbildlichkeit“, aber in „neuer Form“, „in Christo reformata“.

Wäre dieser Schritt getan, wäre auch die Schöpfung befreit von der korruptiven und konkupiszenten Unterwerfung (gegen ihren Willen) unter den „menschlichen“ Extraktivismus. Sie zielt darauf hin, dass Menschen sich begreifen als „Leben inmitten von Leben, das Leben will.“ (Albert Schweitzer). Dass Menschen sich begreifen als „Bebauer, Bewahrer und Behüter dieser Schöpfung“ (vgl. Genesis, s.o.). „Gegenüber der Forderung, die damit an ihn ergeht, ist aber die Frage nach der Wirklichkeit oder Unwirklichkeit der Erlösung selbst fast gleichgültig.“ (Theodor W. Adorno, Mini-ma Moralia, a.a.O., S.334). Aber Paulus geht es ja auch nicht um Wirklichkeit oder Unwirklichkeit, sondern um Hoffnung.

Schlussendlich sollten wir nicht vergessen: Wie in der Apostelgeschichte es nicht um eine Rückkehr in eine „vorbabylonische Einheitssprache“ geht, so geht es auch hier bei Paulus nicht um eine „Rückkehr ins Paradies“, sondern wiederum um eine „Aufhebung“ des gegenwärtigen Zustandes. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“ (2.Kor 5,17). Eben: „In Christo reformata…“ (Thomas von Aquin). Die „Antithese“ (Korruption, Konkupiszenz) zur These („ursprüngliche Schöpfungsabsicht“, wenn man so will) lässt sich nicht aus der Welt schaffen, sondern nur „zusammen mit der These“ auf eine höhere Ebene (hin)aufheben. Weshalb die Osterliturgie auch von der „felix culpa“, der „glücklichen Sünde“ Adams spricht. Dialektisch eben. Vielleicht sollte man an Pfingsten auch mal wieder Bertolt Brechts „Lob der Dialektik“ lesen.

Was im Übrigen genau der Condition Humaine, der „menschlichen Befindlichkeit“, entspricht, in der wir uns befinden. Es ist so „geworden“ (Genesis!), dass wir uns „aus der Natur vertrieben“ und uns ihr „gegenüber“ gesetzt und sie unterworfen haben. Das lässt sich nicht mehr „rückgängig“ machen. Das ist jetzt so „in der Welt“. Es kann also nur noch darum gehen, dieses unser „so in der Welt sein“ auf eine andere Ebene unseres „in der Welt seins“ (hin)aufzuheben. Vielleicht auf eine Ebene des „Mit-der-Welt-Seins“. Oder so ähnlich? Siehe Albert Schweitzer, oben.




„FLEISCH IST EIN STÜCK LEBENSKRAFT“
(Werbeslogan der Agrarmarketing Gesellschaft CMA)

Lesbos, Griechenland. Im Jahre 2020 n.Chr.:  Ein Mitarbeiter der NGO „Light House Relief“ fährt in einem Jeep mit einer Journalistin auf ein Plateau. Eine „Müllhalde“. Es weitet sich der Blick auf Haufen tausender Schwimmwesten, die von den griechischen Behörden dort deponiert wurden. Schwimmwesten, die einst von Flüchtlingen getragen wurden. Es ist unklar, ob die Flüchtlinge mit den Schwimmwesten auf die griechische Insel gelangten, oder aber die Schwimmwesten solo an Land gespült wurden und ihre TrägerInnen im Mittelmeer ertrunken sind. Schwimmwesten, so weit das Auge reicht. Sie wirken wie eine „zweite Haut“ der Flüchtlinge. Nun nur noch totes Material.
(ARD-Rabiat: „Scheiss auf Moral! 5 Jahre Flüchtlingskrise. Sendung v. 18.05.2020, und: ARD-Mediathek. Die wichtig-sten Dokumentationen laufen halt immer nach 23.00 Uhr. Weshalb wir auch, zum Beispiel im Markus-Evangelium, lesen: „Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!“ Mk 13,37)

Babylon, Babylonien: Im Jahre 540 v.Chr.: „Der Herr brachte mich im Geist hinaus und versetzte mich mitten in die Ebene. Sie war voll toter Gebeine. Und ich sah viele über die Ebene verstreut liegen. Sie waren ganz ausgetrocknet. Und der Herr fragte mich: Menschensohn, können diese Gebeine wieder lebendig werden? Ich antwortete: Herr und Gott, das weißt nur du.“ (Ezechiel 37,1-3)

Ezechiel bekommt von Gott den Auftrag, zu den Schwimmwesten (pardon: Gebeinen) zu sprechen. Woraufhin die „verstreuten Gebeine“ zusammenrücken, wie es sich gehört. In die amorphe Masse kommt Bewegung. Sehnen und Fleisch umgeben die Knochen. Haut überzieht das Fleisch. „Aber es war noch kein Geist in ihnen. (Ezechiel 37,8). Und auf Gottes Befehl hin bewirkt Ezechiel, dass Geist in die neu gefügten Leiber der Erschlagenen (Ezechiel 37,9) fährt. „Und sie wurden lebendig und standen auf – ein großes gewaltiges Heer.“ (Ezechiel 37,10)… „Wacht auf, Verdammte dieser Erde…“, möchte man da nicht nur am 1.Mai, sondern auch an Pfingsten singen.

Natürlich, ein Bild. Ein Traumgesicht. Eine Vision. Wie sagte Helmut Schmidt einst? „Wer Visio-nen hat, sollte zum Arzt gehen.“ Nun, die Vision des Ezechiel ist ein Bild für die Verheißung Gottes an das Volk Israel, das 597 v.Chr. in die Babylonische Gefangenschaft geführt wurde. Wobei es sich selbst in diese Scheiße geritten hatte. Was mit imperialistischer Politik zu tun hatte. Allen Mahnun-gen und Warnungen des Ezechiel zum Trotz. Jetzt, nach gut 40 Jahren in Babylon, verheißt Gott durch seinen Propheten Ezechiel Israel (bzw. genauer: Juda) die Rückkehr in die Heimat. „Ich öffne eure Gräber und hole Euch aus euren Gräbern herauf!“ (Ezechiel 37,12).  „Ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig. Und ich bringe euch wieder in euer Land.“ (Ezechiel 37,14).

Die Reporterin Anne Thiele haucht den toten Schwimmprothesen der Flüchtlinge „Geist und Leben“ ein. „Jede Schwimmweste erzählt von einem menschlichen Schicksal“. Vom Schicksal der Vertriebenen, Verbannten, Zerstreuten. Von Menschen, die entweder tot sind, weil ertrunken. Oder von Menschen, die in Flüchtlingslager „wie in Gräbern“ hausen müssen (Ezechiel 37,12). „Men-schentochter, können diese Schwimmwesten wieder lebendig werden?“ (vgl. Ezechiel 37,3).

An dieser Stelle ist die „Pfingstsequenz“ zu zitieren, ein Text, der Bestandteil der Liturgie am Pfingstsonntag ist. Wenigstens in Auszügen:

(1)Komm herab, o Heil‘ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt. Strahle Licht in diese Welt.
(2)Komm, der alle Armen liebt, komm, der gute Gaben gibt, komm, der jedes Herz erhellt.
(3)In der Unrast schenkst du Ruh, hauchst in Hitze Kühlung zu, spendest Trost in Leid und Not.
(4)Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält.
(5)Wärme du, was kalt und hart, löse, was in sich erstarrt, lenke, was den Weg verfehlt.

Dieses „Veni Sancte Spiritus“ stammt aus dem Jahre 1570. Der „Heil‘ge Geist“ solle Licht in die finstere Nacht der Welt (s.o. Adorno „das falsche Leben“) bringen, den Armen gute Gaben geben, den Rast- und Ruhelosen Ruhe schenken (und zwar nicht die „ewige Ruhe“ im Mittelmeer, sondern „Save Haven“, wie sich eine Kampagne zur Aufnahme von Flüchtlingen nennt). Trost in Leid und Not spenden. Den fast Verdursteten Leben eingießen. („Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen. - Matthäus 25,35!) Womit der Text gera-dewegs auf „uns“ und „unsere“ Krisen-Politiken (Klimakrise, Flüchtlingskrise,…) zusteuert und „wir“ in den Focus geraten. „Wärme du, was kalt und hart. Löse, was in sich erstarrt. Lenke, was den Weg verfehlt.“ Wärmen Lösen. Lenken. Unsere kalten, harten, in sich erstarrten und verfehlten Politiken (wovon Reporterin Anne Thiel in ihrem Film mehr als genug zu berichten weiß).

Womit wir bei einem weiteren Text wären, der sich ebenfalls beim Propheten Ezechiel findet:

„Ich gebe euch ein neues Herz und gieße einen neuen Geist (!!!) in euch! Ich reiße das Herz aus Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch! Ich lege meinen Geist (!!!) in euch und bewirke, dass ihr die Gebote der Menschlichkeit achtet und sie erfüllt. Ich befreie euch von allem, womit ihr euch unrein gemacht habt. Dann werdet ihr an euer verkehrtes Verhalten und an eure bösen Taten denken. Und es wird euch ekeln vor euch selbst und euren Greueltaten. Ihr werdet erröten und vor Scham vergehen wegen eures Treibens!“ (Ezechiel 36,26-32).

Also im Kapitel (36) unmittelbar vor dem Kapitel mit der Vision von den Totengebeinen (37). Also: Der „Heilige Geist“ ist ein unbequemer „Zeitdiagnostiker“. (Als „Zeitdiagnostik“ bezeichnet man einen bestimmten Zweig der Soziologie und der Politischen Philosophie). Zeitdiagnostiker und Diagnostiker unseres „Herzens aus Stein“, unserer ekelhaften, kalten und harten „Herzlosigkeiten“. Wie, ich wiederhole mich, auch der Schreiber der Johannesoffenbarung.

„Ich, euer Bruder Johannes, der wie ihr bedrängt ist, … und mit euch in Jesus standhaft ausharrt, ich war auf der Insel Patmos (heute ein Hotspot der Flüchtlingskrise!), als Flüchtling um des Wortes Gottes willen und des Zeug-nisses für Jesus. Ich wurde vom Geist Gottes (!) ergriffen und eine Stimme sprach zu mir: Schreib, was du siehst!“ (Offenbarung 1,9-10).

Und Johannes, der Zeitdiagnostiker, schreibt, was er sieht: Die ideologischen und praktischen „Gräueltaten“ des Imperium Romanum, nachzulesen in Offenbarung Kapitel 13, 17 und 18. Deckt auf. Legt offen. Eben: offenbart! Aber das nur als „Link“zum, vielleicht, weiterlesen.

Ich belasse es bei diesen fragmentarischen Überlegungen. Was deutlich werden sollte, ist, dass der „Heilige Geist“ ein unbequemer Zeitgenosse ist. Bequemlichkeiten sind mit ihm nicht zu haben. Erst recht keine Bequemlichkeiten auf Kosten anderer. Das „Herz aus Fleisch“ versinkt als erstes vor Scham und Ekel vor den Gräueltaten, die das „Herz aus Stein“ begangen hat. Das sollte uns zu denken geben. Auch im Blick auf die derzeitigen „Offenbarungen“ über die deutsche Fleischindu-strie. Um noch eine weitere aktuelle „Krise“ zu erwähnen. Wobei es diese Krise ja nicht erst seit heute gibt. Ist es vielleicht der „Heilige Geist“, der, siehe Pfingstsequenz, helles Licht in die bisherige finstere Nacht des Schweigens über diese „Greueltaten“ bringt? „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft.“ Kommt ganz darauf an, wie man es meint. Ein „Herz aus Fleisch“, dass sich dieser und anderer Zustände  endlich auch politisch erbarmt, schon.


TRÄUME UND VISIONEN

Schon wieder ein Prophet! Was sind eigentlich Propheten? Ein Formulierungsversuch: Propheten sind scheinselbständige Zeitdiagnostiker und Systemkritiker. Sie sind keine „Spökenkieker“ und Zukunfsts-weissager. So sie denn eine Zukunft beschreiben, sei es Heil oder Unheil, tun sie das auf der Basis dessen, was sie in der Jetzt-Zeit diagnostizieren und am System kritisieren können. Ganz nüchtern. Wenn ihr nicht von den gegenwärtigen Greueltaten ablasst, sehen wir schon jetzt das zukünftige Unheil am Horizont aufziehen. Was auch nicht schwer ist. So, wie jetzt mit der Klimakrise. Zum Beispiel. Warum scheinselb-ständig? Weil sie im Auftrag Gottes sprechen. Was ich hier geschrieben habe, lässt sich bei Jesaja, Jeremia, Ezechiel, Amos, Micha, Hosea und wie sie nicht alles heißen nachlesen. Bis zum geht nicht mehr. Auch unsere Zeit hat ihre „Propheten“, auch wenn sie sich nicht auf göttliche Sendung berufen. Hat ihre Zeitdiag-nostiker und SystemkritikerInnen. Ein paar Namen: Harald Welzer, Stephan Lessenich, Nico Paech, Thomas Sedlacek, und wie sie nicht alle heißen. Und um auch Frauen zu nennen: Naomi Klein, Susanne Neimann, Judith Butler – zum Beispiel. Das schöne bei den Frauen, finde ich, ist, dass sie auch noch biblische Namen tragen: Naomi, Susannah, Judith. Alles Stimmen der Zeitdiagnostik und der Systemkritik. Wie die Propheten.


Also dann, zu unserem Text. Der Prophet Joel, Kapitel 3, Verse 1-2. Über den Verfasser und die Umstände der Niederschrift sei nichts bekannt. Joel schildert drohende Katastrophen und Zer-störungen. Heuschreckenplagen, Vernichtung der Ernte, Mangel an Futter fürs Vieh und Nahrung für die Menschen. Leider ist Joel nicht sonders „friedfertig“. Er ruft Israel zum Heiligen Krieg auf.
Sie sollen, in Umkehrung zu der Stelle bei Micha (4,1-4), ihre Pflugscharen zu Schwertern und ihre Winzermesser zu Lanzen umschmieden. (Joel 3,9-11) Das sollte man nicht verschweigen, aber darauf wollen wir uns jetzt auch nicht konzentrieren. Wer weiß, vielleicht hat das auch ein „Interessent“ im Laufe der Überlieferung in den Text „eingeschmuggelt“. Also, Joel 3,1-2:

(1) So spricht Gott, der Herr: Es wird geschehen, dass ich meinen Geist ausgieße über alles Fleisch.

Natürlich kannte Lukas, der mutmaßliche Schreiber der Apostelgeschichte, diese Joel-Stelle. Wes-halb in der Apostelgeschichte, an „Pfingsten“, eben dieser Geist in Sturmgebraus, Feuerzungen und Getöse auf die „Versammelten aus allen Völkern“ herab ausgegossen wird. Und eben so erinnert dieser Vers auch an Geistein- und ausgießungen bei Ezechiel. Die „Geschichte von Pfingsten“ hat also eine lange Tradition. Und insofern schildert Lukas „Pfingsten“ als „Erfüllung“ dieser überlie-ferten Hoffnung.

(2) Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, eure Alten werde Träume haben, und eure jungen Männer haben Visionen. Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen.“

Das müssen wir uns jetzt genauer anschauen. Befassen wir uns erst einmal mit den Söhnen und Töchtern. Dass hier von Söhnen und Töchtern die Rede ist, sollte uns aufmerken lassen. Alle 16 Prophetenbücher im Alten Testament tragen Männernamen. Aber es gab auch Prophetinnen im Alten Testament. Als da wären: Mirjam, Debora, Hulda und Noadja. Und vermutlich noch viele andere Ungenannte.

Und wir müssen noch einen Blick ins Lukasevangelium werfen. Und zwar in Lukas 2, 34 – 35:

„Und Simeon sprach zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser Jesus ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden. Und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Da-durch sollen die Gedanken vieler Menschen offenbar werden … .“

Wie die Worte und Taten der Propheten im Alten Testament die einen zu Fall brachten und die anderen aufrichteten und Widerspruch ernteten, so wird es, laut Simeon, auch mit Jesus geschehen. Prophetie ist immer parteilich, bringt die einen zu Fall und richtet die anderen auf und erntet Wider-spruch. Vor allem den Widerspruch derjenigen, deren („böse“) Gedanken (und Werke) durch das Wirken der Propheten offenbar werden. Vom Fallen und Aufrichten lesen wir auch im 1. Kapitel des Lukasevangeliums im Lied der Maria: „Gott bringt die Mächtigen zu Fall und richtet die Niedrigen auf.“ (Lukas 1,52). Oder Joseph Joubert (1754-1824, frz. Moralist): „Die Gerechtigkeit ist immer das Recht des Schwächeren.“ Auch diese „Vorstellungen“ haben eine lange Geschichte. Auch das Wort der Maria ist ein Zitat mit einer langen Geschichte. Ausgerechnet von Ezechiel:

„So spricht Gott, der Herr: Die Zeit ist gekommen für die endgültige Abrechnung! Weg mit den Kronen der Könige! Nichts soll bleiben wie es ist! Das Hohe werde ich zu Fall bringen, und das Niedrige werde ich aufrichten.“ (Ezechiel 21, 31). Das klingt schon verdammt nach Georg Büchner: „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Man muss sich das nicht zwingend zu eigen machen, aber noch weniger darf man das über-sehen.
Sodann: Eure „Alten“ werden Träume haben. Na ja, ein bisschen ungenau übersetzt. Meine Sprachkenntnisse reichen in Ermangelung des Hebräischen leider nur bis zur sogenannten Sep-tuaginta, der „Übersetzung der Siebzig“, die älteste Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische, entstanden ab 250 v.Chr. in Alexandria. Und dort lesen wir, dass die presbyteroi Träume haben werden. „Alte Menschen“ wird im Griechischen aber mit Ilikomènoi übersetzt. Die Presbyteroi hingegen sind die „Ältesten der Gemeinde“, also die „Gemeindeleiter“, von denen auch in der Apostelgeschichte die Rede ist. Also: Eure „Leiter“ werden Träume haben, muss man wohl richtiger übersetzen. Warum sollten sie auch nicht?

Sodann: Eure „jungen Männer“ werden Visionen haben. Das ist an und für sich keine ungewöhn-liche Verheißung oder Erwartung. Die Bibel wimmelt von Visionen „junger Männer“. Zum Beispiel von Joseph dem Träumer oder Daniel dem Propheten. Und überhaupt die Propheten.

Sodann, und nun wird es allerdings ungewöhnlich, weshalb es mit einem signifikanten „auch“ ein-geleitet wird: auch über „Knechte und Mägde“ werde ich meinen Geist ausgießen in jenen Tagen. Die Übersetzung riecht irgendwie verdächtig. Also ruck zuck wieder in die Septuaginta. Und was lesen wir dort? „In jenen Tagen werde ich meinen Geist ausgießen über doulous kai doulas.“ Da brat mir doch einer einen Storch! Doulous kai doulas heisst: Sklaven und Sklavinnen! Also den Geist ausgießen über die „Rechtlosen“, die „Leibeigenen“, die „Niedrigen“ und „Erniedrigten“.

Woraus wir nun, langer Rede kurzer Sinn, vielleicht zweierlei lernen können: Söhne und Töchter werden Propheten sein → in unserem gegenwärtigen Kontext erinnert mich das an „Fridays for Future“. Nicht zuletzt unterstützt von den presbyteroi der wissenschaftlichen Community, den „Scientists for Future“. Und: Die „Niedrigen“ und „Erniedrigten“ werden Propheten sein. Eine prophetische „Kirche der Armen“.

Beide „prophetische Bewegungen“ fordern einen „Offenbarungseid“ über unsere Gedanken, Werke und Pläne bezüglich einerseits der Klimakrise, andererseits der Armutskrise ein. Es sollen die Ge-danken, Werke und Pläner vieler offenbar werden und sich die „Geister“ scheiden.



DIE WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN
(Joh 8,32)

„Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“
(Rosa Luxemburg)

„Ich bin dazu in die Welt gekommen, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen.“
(Jesus, Joh. 13,37)

„Was ist Wahrheit?“
(Pilatus, Joh.13,38)


Im Johannes-Evangelium kommt das Wort „Wahrheit“ 20mal, das Wort „Zeugnis“ 11mal und das Wort „Geist“ (im Sinne dessen, was wir heute unter „Heiliger Geist“ verstehen) 13mal vor. Die Verse des Evangeliums vom Pfingstmontag (Joh 15,26 – 16,3.12-15) befinden sich im Gesamt-kontext des Johannesevangeliums in einem Abschnitt (Joh Kapitel 13-17), der als „Abschiedsreden Jesu“ oder auch als „Johanneische Abschiedsreden“ bezeichnet wird. Mit Kapitel 18 des Johannes-evangeliums beginnt die Leidens- und Todesgeschichte Jesu. Nun wird man getrost annehmen dür-fen, dass Jesus während des „Letzten Abendmahls“ (Joh 13,1-20) keinen fünf Kapitel langen theologischen Vortrag gehalten hat. Was wir hier finden, ist sozusagen johanneische Theologie, oder besser: Christologie, pur. Und zwar in geballter Form. Johannes schreibt hier, für wen er Jesus hält und was das „Christsein im Heiligen Geist in der Welt“ für ihn bedeutet.


JOH 15,26: Gleich im ersten Satz stoßen wir auf ein Wort, das außer an dieser Stelle noch in Joh 14,16; Joh 14,26; und Joh 16,7 vorkommt: „Wenn der Beistand kommt… .“  Der „Beistand“?

Bei der Suche nach diesem Wort in meinem geliebten „Praktischen Bibelhandbuch.Wortkonkordanz“, wo man immer nachschlagen kann, an welchen Stellen in der Bibel welches Wort vorkommt, mache ich eine seltsame Erfahrung. Ich schlage unter B wie „Beistand“ nach und lese dort: Beistand → siehe: Hilfe. Ich schaue unter H wie „Hilfe“ nach und finde als „Fundort in der Bibel“ keine der soeben erwähnten Stellen im Johannesevangelium. So kann es einem gehen. Und man kommt um den eigentlichen „Knackpunkt“ der Geschichte herum. Zum Glück aber gibt es noch Wikipedia, und so werde ich also dort nachschauen. Auch nicht vergessend, dass  das griechische Wort für Beistand „parakletos“ heißt. Was wichtig ist, wenn wir die Stelle(n) mit dem „Beistand“ genauer verstehen wollen.

„Parakletos“ also. Was man mit „Tröster“, „Vermittler“ oder aber, aufgepasst, mit „Anwalt“, also „gerichtlichem Beistand“, übersetzen kann. Der „Beistand“, der „Geist der Wahrheit“, wird Zeugnis für Jesus ablegen, und „auch ihr sollt Zeugnis ablegen“. „Parakletos“ im Sinne von „gerichtlichem Beistand“ und der Begriff des Zeugnisses verweisen eindeutig auf einen „juristischen Zusammen-hang“.

„Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen reinen Eid, dass ich über alles, worüber ich von dem Gerichte befragt worden bin und befragt werden werde, die reine und volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit gesagt habe und sagen werde. So wahr mir Gott helfe!“ (alte Eidesformel bei Gericht).

JOH 16,1-3: Weshalb auch sogleich von einer „Verfolgungssituation“ die Rede ist. „Man wird euch aus der Synagoge ausstoßen und meinen, es sei ein heiliger Dienst, euch zu töten.“ Dazu machen wir einen kleinen Ausflug ins Lukasevangelium:

„Wenn man euch vor die Gerichte der Synagoge und die Gerichte der Herrscher und Machthaber dieser Welt schleppt, dann macht euch keine Sorgen, wie ihr euch verteidigen oder was ihr sagen sollt. Denn der Heilige Geist wird euch (vor Gericht) in gleicher Stunde eingeben, was ihr sagen sollt.“ (Lukas 12, 11-12). „Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können.“ (Lukas 21,13).

Auch bei Lukas finden wir also genau diesen Zusammenhang von Zeugnis ablegen und Heiligem Geist in einer Verfolgungssituation. Die Bezeichnung des Heiligen Geistes als (gerichtlichem) Beistand allerdings finden wir so nur im Johannesevangelium. Und was die „Verfolgungssituation“ angeht, können wir Joh 15,18-25 nachlesen. Also genau die Verse vor dem Textausschnitt, der uns im Evangelium am Pfingstmontag in der Liturgie präsentiert wird – ohne die aber dieser unser Text-ausschnitt nicht zu verstehen ist, weil er durch die „Stückelung“ seines Kon-Textes beraubt wurde. Johannes summiert die Verfolgungs- und Krisensituation in Joh 16,33b: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis. Aber habt Mut: denn ich habe die Welt besiegt.“

Leider verschweigt uns unser „zerstückeltes Evangelium“, so wie es uns angeboten wird, noch etwas ganz Wesentliches. Nämlich das, was der „Beistand“, der „Geist der Wahrheit“, über das „Beistandleisten“ für die Jünger hinaus noch tun wird:

„Der Geist der Wahrheit, der Beistand, wird die Welt überführen und aufdecken, was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist.“ (Joh 16,8).

Da hier von „überführen und aufdecken (= offenbaren!)“ die Rede ist, müssen wir jetzt doch noch einmal (wie oben schon kurz) einen Blick in die Offenbarung des Johannes werfen. Natürlich, ich weiß, es ist redundant und wir drehen uns „im Kreis“. Was, andererseits, im „Umkreis“ der Bibel auch gar nicht anders möglich ist. Also:

Offb 1,1: Dies ist die Offenbarung (Apo-kalypse → Auf-deckung!) Jesu Christi, ergangen an seinen Knecht Johannes, der bezeuget (!) hat das Wort Gottes und das Zeugnis (!) von Jesus Christus und der bezeugt(!), was er gesehen hat.“
Offb 1,9: Ich war auf Patmos, in der Verfolgung und Bedrängnis um des Zeugnisses (!) Jesu Christi willen. (s.o.)
Offb 1,11: Die Stimme sprach: „Schreib auf, was du siehst… (Oder, Rosa Luxemburg: Sag, was ist.)

Und jetzt noch mal ganz denksportlich eine Rolle rückwärts ins Johannes-Evangelium. Dort lesen wir im 12. Kapitel: „Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt! Jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden.“ (Joh 12,31). Das, was der Johannes der Offenbarung schreibt (ob er identisch sei mit dem Johannes des Evangeliums, darüber streiten sich die Gelehrten bis heute), ist das Gericht über das Imperium Romanum. In diesem Gericht geht es darum, Zeugnis abzulegen. Zeugnis für Christus. Zeugnis gegen das Imperium Romanum, dessen Straßen „voll sind vom Blut aller Menschen, die dieses Imperium auf dem Angesicht des bewohnten Erdkreises hingeschlachtet hat.“ (Offb 18,24). Ist das harmlos? Nein, das ist Systemkritik an der systematisch imperialen Lebensweise, eine Politik und Ökonomie, „die tötet“ (Papst Franziskus).

Pfingsten ist das Gegenteil von „harmlos“. Den „Heiligen Geist“ gibt es nicht umsonst. Das heißt, es gibt ihn schon umsonst. Aber dieser Heilige Geist führt in die „Drangsal des Zeugnis-Gebens“. Des „Sagens, was ist.“ Sagen und aufschreiben, was man sieht. Das „Imperium“. Auch heute. Zeugnis geben wider alle „Imperien“ und „imperiale Lebensweisen“, deren Straßen voll sind vom Blut, Schweiß und Tränen der Unterdrückten, Ausgebeuteten und Hingeschlachteten. Und Zeugnis zu geben für das Reich Gottes, „welches ist Friede, Freude und Gerechtigkeit (!) im Heiligen Geist (!). (Röm 14,17). Für - wider.  Entweder – oder. Mit sowohl als auch kommen wir nicht weit.

„Niemand kann zwei Herren dienen. Er wird entweder den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird zu dem einen halten und den anderen verachten. Ihr könnt nicht beiden dienen, Gott und dem Mammon.“ (Mt 6,24) Oder: Christus und dem Imperium Romanum. Und überhaupt irgendwelchen Imperien des Mammons.

Nach dem Wort über das „Gericht über die Welt“ (Joh 12,31) gibt Jesus den Jüngern noch ein Wort mit auf den Weg: „Geht euren Weg, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überrascht. Wer in der Finsternis geht, weiß nicht, wohin er gerät. Solange ihr das Licht bei euch habt, glaubt an das Licht, damit ihr Kinder des Lichts werdet.“ (Joh 12,35-36).

In diesem Sinne wünsche ich uns den Beistand, den Geist der Wahrheit, den Mut zum Zeugnis: zu sagen, was ist. Auch: zu überführen und aufzudecken. Und in diesem Sinne: Frohe Pfingsten. Pax et Bonum.

Impuls von

Günther Harmeling
pax christi-Basisgruppe Idstein

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Unser Impuls erscheint in jeder pax christi-Zeitschrift ­auf Seite 3.