Spiritualität

»Dann lehn' dich auf und zeige Mut«

»Ich höre das Zischeln der Menge ‒Grauen ringsum. Sie tun sich gegen mich zusammen; sie sinnen darauf, mir das Leben zu rauben.« (Ps 31,14)

Man merkt, es tut sich was, aber man sieht nichts. Man spürt, es bewegt sich was, aber man hört nichts Genaues. Irgendwie empfindet man, dass sich im Hintergrund, im Untergrund, unter der Oberfläche etwas regt, doch es ist nicht zu fassen. Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl auch?

Es ist eine sehr alte Beobachtung, dass vieles sich im Untergrund bewegt und formiert, bevor es an die Oberfläche kommt, ans Tageslicht tritt. Dies gilt für gesellschaftliche Entwicklungen genauso wie für psychische Prozesse. Und somit natürlich auch für unser geistiges und geistliches Leben. Tief unter der Oberfläche, verborgen im Dunkel des Untergrundes, lebt das Böse und treibt sein Unwesen. Und traut sich nicht ans Tageslicht – oder nur selten. Um dann Unheil zu bringen.

Diese Gedanken kamen mir, als ich auf unserer Verdun-Fahrt im September an einem sehr sonnigen Tag vor der Kathedrale von Metz stand. Überlebensgroß stand er vor mir – der heilige Clemens, der erste Bischof von Metz. Und zweimal musste ich hinschauen: An einer Kette führte er einen Drachen. »Graoully « mit Namen – das Grauen! Er hatte ihn mit christlicher Vollmacht im heidnischen Amphitheater gefangen – dort, wo Menschen Freude daran hatten, dass andere sich gegenseitig umbringen mussten.

Der Dichter Rabelais schrieb über Graoully: »Seine Augen sind größer als sein Bauch, sein Kopf größer als sein Körper mit einem riesigen breiten Maul und spitzen Zähnen.« Eine Fressmaschine ‒eine Kampfmaschine, die alles verschlingt, was sich ihr in den Weg stellt. Kriegsmaschinerie, die Menschen frisst.

Der Legende nach legte der heilige Clemens dem Untier seine Stola um den Hals und führte es von der Stadt weg auf eine Insel in der Seille. Dort wurde das Ungeheuer vom Erdboden verschluckt. Clemens verschloss das Loch mit einem Felsen, der angeblich noch heute zu sehen ist.

Die Drachen sind in der christlichen Tradition oft die Wesen, die im Untergrund hausen und von dort her Unruhe und Verwirrung, ja Kampf und Tod bringen. Der heilige Clemens hat den Drachen gebändigt und eingesperrt. Der heilige Georg hat in den frühesten Legenden auch den Drachen bezwungen und nicht getötet. Drachen sind mächtige und starke Wesen – die Antriebe und Triebe tief unter der Oberfläche sind entscheidend für unser Leben. Es gehört zu einem gelungenen geistlichen Leben dazu, diese tief sitzenden An- Triebe zu nutzen und zum Guten zu verwandeln. In der Psychoanalyse wird von Sublimierung oder in den Politikwissenschaften von Transformation gesprochen. Und es geht dabei um die Veredelung der vorhandenen Ur-Kräfte.

Mit dem Grauen des Ersten Weltkrieges im Sinn einen Drachen an der Kette zu sehen, lässt mich hoffen. Der heilige Clemens ist in den Kampf gezogen – er hat den Drachen mit dem Zeichen seiner Vollmacht besiegt: seiner Stola. Symbol christlicher Verkündigung, Symbol des Priester- und Prophetenamtes aller Getauften. Es gibt mir Mut im Kampf gegen das Zischeln im Hintergrund, gegen das Brodeln im Untergrund, gegen das sich formierende Grauen im braunen Sumpf, gegen die Abgründe unseres Menschseins. Unser Bistum ist dem heiligen Georg geweiht – hoffentlich wissen und leben wir das auch.

Die katholischen Pfadfinder Deutschlands haben ihrem Namenspatron Georg ein passendes Lied gewidmet: »Gegen das Böse und die Drachen unsrer Zeit den ersten Schritt zu wagen: Wer ist dazu bereit? Wir wollen neue Wege finden, Georg geh voran, du hast gezeigt, wie´s gehen kann, wir sind jetzt dran.« Und als konkreter Hinweis die dritte Strophe: »Wenn einer anders aussieht, nicht unsre Sprache spricht, »Kanake« man ihm nachschreit und ihm das Rückgrat bricht; zuschaut, wenn die Wohnung brennt und auch nicht den feigen Täter nennt: Dann lehn´ dich auf und zeige Mut, wenn es auch kein andrer tut, und frag dich: Wer fängt damit an? Wenn nicht ich, wer dann?«

Impuls von

Peter Hofacker
Geistlicher Beirat von pax christi im Bistum Limburg und priesterlicher Mitarbeiter in der Pfarrei Liebfrauen Westerburg

Unser Impuls erscheint in jeder pax christi-Zeitschrift ­auf Seite 3.