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Wir waren in Gießen!

Bericht von den Protesten in Gießen

Am Samstag, den 29. November 2025, haben sich zehntausende Menschen in Gießen versammelt. Sie protestierten gemeinsam gegen die Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation, nachdem die ehemalige „Junge Alternative“ als gesichert rechtsextrem eingestuft und anschließend aufgelöst wurde.

Ein breites Bündnis aus dem DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) Mittelhessen, dem zivilgesellschaftlichen Bündnis »Gießen bleibt bunt!«, den Gießener Parteien SPD, Bündnis 90 / Die Grünen, FDP, Die Linke, Die Partei, Gigg und Volt, den Religionsgemeinschaften der Evangelische Kirche, Jüdische Gemeinde und Muslimische Gemeinde in Gießen und dem Stadtausländerbeirat rief gemeinsam mit vielen weiteren Vereinen und Organisationen dazu auf, „Gemeinsam für Demokratie und Vielfalt“ einzustehen. Auch pax christi Rhein-Main und der Präsident der deutschen pax christi Sektion, Bischof Kohlgraf, riefen dazu auf, in Gießen friedlich zu protestieren. Das Aktionsbündnis „Widersetzen“ mobilisierte in ganz Deutschland. Sie alle eint das gemeinsame Ziel, die Grundwerte der Demokratie gegen menschenfeindliche Ideologien zu verteidigen. 

Der Großteil der Proteste ist friedlich verlaufen, wie die hessenschau am Samstag berichtete. Dennoch kam es zu vereinzelten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Demonstranten. Laut Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) wurden mehr als 50 Polizisten verletzt. Das Bündnis "Widersetzen" beklagte wiederum teils "massive Polizeigewalt" und verletzte Demonstranten. Bilder und Videos dieser vereinzelten „Auseinandersetzungen“ bekommen auch jetzt noch viel Aufmerksamkeit. Es wird öffentlich und privat darüber diskutiert, welche Art von Protest und welche Polizei-Maßnahmen gerechtfertigt waren und sind.

Wir haben mit einer der Organisatorinnen der Proteste in Gießen gesprochen. Marie Gillissen ist Mitglied bei pax christi Rhein-Main und seit Oktober auch im Bundesvorstand von pax christi Deutschland. Sie ist außerdem Mitglied der „Omas gegen Rechts“ in Gießen und war zuständig für Deeskalation und Awareness bei den Demonstrationen und Blockaden innerhalb von Gießen.

Sie berichtete, dass „das wichtigste Ziel der Proteste die friedlichen Demonstrationen war. Es ging darum klarzumachen, dass sich in Gießen unter dem Schutzmantel der AfD eine rechtsradikale und in Teilen gewaltbereite Jugendorganisation gründen würde“. Nach ihrer Einschätzung seien die Demonstrationen und Sitzblockaden innerhalb Gießens friedlich geblieben – von Seiten der Demonstrierenden. Sie selbst habe zwei der Sitzblockaden betreut und beobachtet, wie friedlich auf der Straße Sitzende von Seiten der Polizei eingeschüchtert und anschließend mit Wasserwerfern vertrieben werden sollten. Auch den Einsatz von Schlagstöcken, Pfefferspray und Faustschlägen habe sie beobachtet. „Diesen Einsatz der Polizei bewerte ich als grundlos, vollkommen überzogen und ungerechtfertigt.“

Die Veranstalter:innen hatten im Vorfeld „mit der Polizei und den Ordnungsbehörden in Gießen die Kundgebungen und Demonstrationen über Monate hin genauestens geplant“. Die geplanten Veranstaltungen mussten jedoch kurzfristig verlegt werden: „Trotz des Frustes und der Abriegelung eines ganzen Stadtteils, haben sich die Menschen bei den Kundgebungen und Demonstrationen in Gießen vollkommen friedlich verhalten.“

Auch die Bilder und Videos von Samstag sieht sie kritisch: „Es wird sehr viel falsch dargestellt, und Videos mit Hilfe von KI zusammengeschnitten, um die Proteste als aggressiv darzustellen. Aus meiner Sicht soll so Propaganda und Hass verbreitet werden.“

Schon im Vorfeld gab es ihrer Meinung nach Versuche, die Proteste zu diskreditieren: „Von den Behörden wurde im Einzelhandel und auch in den Altenheimen vor Gewalttaten gewarnt und so Angst geschürt. Aus meiner Sicht wollte man jeden Protest verhindern. Ich bin aber sehr glücklich, dass wir diesen Protest veranstaltet haben. Wir waren friedfertig, wir waren viele! Wir müssen immer wieder aufstehen gegen Rechts, aufklären und sichtbar bleiben. Uns drohen schwere autokratische Zeiten, und es wird die Ärmsten, die Mittellosen, die an-den-Rand-Gedrängten treffen. Wir müssen für die Menschenrechte sehr laut eintreten! Sie sollen uns hören!“

Doch auch wenn wichtig ist, dass wir Berichte über das, was in Gießen am Samstag passiert ist, lesen und sehen können, sollte die eigentliche Botschaft der Proteste nicht untergehen. Wie auch Frau Gillissen sagte: Das wichtigste Ziel der Proteste war das friedliche Einstehen für Demokratie. Diese Botschaft sollte nicht von Propaganda, Diskussionen um Gewalt oder Anderem überschattet werden. Ein breites Bündnis aus fast allen Bereichen der Zivilgesellschaft hat sich zusammengefunden, um für „Demokratie und Vielfalt“ einzustehen und friedlich miteinander ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen.

Während auf der Veranstaltung der AfD-Jugendorganisation ein vom Landesverfassungsschutz Brandenburg als „rechtsextrem“ eingestufter Vorsitzender mit Jean-Pascal Hohm gewählt wurde, sendete die große Kundgebung des DGB eine ganz klare Botschaft: ein gemeinsames Einstehen gegen Faschismus und Rechtsextremismus mit allen, die dabei sein wollen. Reden und musikalische Auftritte wurden gefeiert und die Stimmung war gut. Der Co-Vorsitzende von pax christi Rhein-Main, Thomas Meinhardt, war vor Ort und berichtete von einer „friedlichen Veranstaltung, die den Teilnehmenden Mut machte, da man einmal mehr sehen konnte, dass es doch viel mehr Menschen gibt, die eine klare Haltung gegen Rechts zeigen“.

Auch das Demokratiefest, welches am Rande der Innenstadt federführend von der evangelischen Kirche organisiert wurde, war friedlich und solidarisch. Evangelische, katholische, muslimische und jüdische Vertreter:innen der Religionsgemeinschaften in Deutschland standen gemeinsam auf der Bühne und sprachen sich für Demokratie und Menschenwürde aus.

Dieser Zusammenhalt von den verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren, ist das, was wir aus Gießen mitnehmen sollten. Es haben sich zehntauschende Menschen gemeinsam für Demokratie ausgesprochen. Von Jugend-Organisationen, wie den Pfadfindern, bis hin zu den „Omas gegen Rechts“ haben alle gemeinsam ein Zeichen gesetzt. Vielleicht können wir dieses Zeichen, passend zur Adventszeit, als einen hellen Stern sehen, der uns zu einer neuen, gemeinsam gestalteten Zukunft führt.

Anna Meinhardt
(Friedensreferentin von pax christi Rhein-Main)