Nachricht

Bericht: Shoah-Gedenktag in Idstein

Internationaler Holocaust-Gedenktag: Mensch, Idstein!

Gedenken findet am Tatort Kalmenhof im Veitenmühlweg statt

29.01.2026; Magdalena Fichter, Martina Hartmann-Menz

Es war still im Kalmenhof in Idstein, als es Heinz Schreyer nicht möglich war, seinen Beitrag zu Ende zu bringen, weil ihn die Erinnerung einholte und ihm die Stimme versagte.

Seine Mutter Elfriede Schreyer (1931-2012) war in Kassel infolge eines Bombenangriffs zur Vollwaise geworden. Sie kam ins Heim. Als 12-Jähriges Heimkind, das fast nicht sprach, war Elfriede Schreyer nach Idstein in den Kalmenhof gebracht und als „schwachsinnig“ eingestuft worden. Sie überlebte die NS-Zeit, weil sie arbeiten konnte und der Einrichtung nützlich war. Elfriede Schreyer wurde Zeugin der Morde im Kalmenhof-Krankenhaus. Sie war nach der Geburt ihres Sohnes Heinz zwangssterilisiert worden. Heinz Schreyer erlebte später selbst in der Zeit der „schwarzen Pädagogik“ eine leidvolle Kindheit im „Bubenhaus“ des Idsteiner Kalmenhofes, wo er in der Nähe seiner Mutter lebte, von der er in den ersten Lebensjahren auf Geheiß der Anstaltsleitung getrennt worden war. Die noch in den 80er Jahren von Seiten des LWV bestrittenen Morde in Idstein sind längst im Detail belegt und durch die Studie des Historikers Christoph Schneider auch lokalisiert: in allen Bereichen des Kalmenhof-Krankenhauses wurde gemordet.  

8 Biografien und 353 Unbekannte auf dem Kalmenhof-Friedhof
Am 27. Januar 2026 versammelten sich Angehörige der Opfer, Mitglieder des Vereins „Gedenkort Kalmenhof“ und weit über 70 Interessierte im Hauptgebäude des Kalmenhofs, um mehr über das Leben von Opfern des Holocaust aus Idstein selbst und aus dem Kalmenhof zu erfahren. Im Zentrum standen Lebensgeschichten von Menschen mit Behinderung und von Menschen jüdischer Herkunft, die von den Nationalsozialisten verfolgt, gequält und ermordet wurden. Den Vortrag der von der Vereinsvorsitzenden Martina Hartmann-Menz recherchierten Biografien übernahmen Vertreter:innen von Vereinen und Institutionen aus dem Idsteiner Land. Auch eine neunte „Biographie von Unbekannt“ wurde vorgestellt: diese bezieht sich auf den Fund sterblicher Überreste eines männlichen Kleinkindes im Bereich des vermuteten Kalmenhof-Friedhofs. Sein Name wurde bisher nicht ermittelt. 721 Menschen sind nach derzeitigem Stand in Idstein ermordet worden, ihre Geschichten seien bei Weitem noch nicht alle aufgearbeitet. Wo die 353 auf dem Gräberfeld nahe des Kalmenhof-Krankenhauses verscharrten Opfer liegen, sei nach wie vor unbekannt, so Jürgen Schmitt vom Gedenkort Kalmenhof e.V. in seinem Beitrag.

Margarethe Klara Hirsch (1901-1935) wurde in eine jüdische Familie hineingeboren. Durch Komplikationen bei ihrer Geburt lebte sie mit einer Behinderung. Ihrer Familie lag die bestmögliche Versorgung und Therapie der Tochter am Herzen. Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten floh die Familie nach England. Ihre Tochter bekam aufgrund ihrer Behinderung keine Erlaubnis zur Einreise. Sie war dort untergebracht worden, da der Kalmenhof in Frankfurt einen sehr guten Ruf genoss. Margarethe Klara Hirsch starb im Kalmenhof 1935 unter ungeklärten Umständen. Ihr Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Idstein hat als einer der wenigen das Novemberpogrom unbeschadet überstanden.

Jüdische und christliche Frankfurter Bürger hatten die private Heilerziehungsanstalt 1888 auf dem Gelände des Gutshofs gegründet. Menschen mit Behinderung sollten auf dem Kalmenhof eigentlich ein möglichst selbstständiges Leben leben. Als überkonfessionelle Einrichtung gab es das Angebot einer streng rituellen Küche und religiöser Erziehung für jüdische und christliche Zöglinge. Die Institution beherbergte bis zur Zeit des Nationalsozialismus bis zu einem Drittel jüdische Zöglinge, die sämtlich Opfer des Holocaust wurden. Eine Vielzahl von ihnen in der Ghettoabteilung für jüdische Anstaltspatienten in Weilmünster, darunter auch der erst 15-jährige Manfred Perel aus Frankfurt.

Das Grab der Tante ist ungewiss
Jutta Wevers (krankheitsbedingt verhindert), eine weitere Angehörige, erzählte von einer Entdeckung. Sie habe von der Existenz ihrer Tante Liselotte Wevers erst posthum erfahren. Die zwölfjährige Liselotte Wevers (*1931) war mit Down-Syndrom in Düsseldorf zur Welt gekommen und wuchs bei den Eltern in Hösel bei Rathingen auf. Sie war ein Opfer der „Kinder-Euthanasie“ der Nationalsozialisten und war 1943 vom St.-Josef-Heim in Unterrrath nach Idstein gebracht und wenige Tage später ermordet worden. Ihre sterblichen Überreste werden im Bereich des Kalmenhof-Friedhofs nahe des Krankenhauses vermutet.

Der Auftrag
Die Anonymität des Massengrabes macht den Auftrag deutlich, der nach der Überzeugung des Vereins „Gedenkort Kalmenhof“ noch zu erfüllen ist: die Menschen, die vergessen werden sollten, in eine gemeinsame Erinnerung zu bringen. Mit dieser Intention hat der Verein bereits vor zehn Jahren die Namen aller Ermordeten und Deportierten mit Klarnamen öffentlich zugänglich gemacht. www.kalmenhof-gedenken.de

Die Notwendigkeit der weiteren Aufarbeitung unterstrich auch Heinz Schreyer als Sohn einer Überlebenden. Ihn, so sein Plädoyer zum Ende der Veranstaltung, lasse die Erinnerung und das Andenken an seine Mutter nicht los. Es seien immer zwei Welten, in denen er lebe.

Fotos: Jürgen Schmidt, Winfried Montz
Lizenz: CC BY-ND 4.0