04.02.2019

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Gut 200 Menschen kamen am 27. Januar im Forum St. Peter in Montabaur zum ökumenischen Gedenken an die Shoah zusammen.

Am 27. Januar 1945 wurde das deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz durch sowjetische Truppen befreit. Seit 1996 begeht Deutschland an diesem Tag den Schoah-Gedenktag; 1998 fand die erste ökumenische Gedenkveranstaltung in Montabaur statt. Auch in diesem Jahr hatten die katholischen und evangelischen Kirchengemeinden, pax christi und die Katholische Erwachsenenbildung Westerwald-Rhein-Lahn eingeladen.
Henryk Fridman (58) sprach zum Thema „Als Jude heute in Deutschland leben“. Fridman, Mitglied im Vorstand der jüdischen Gemeinde Offenbach, ist Sohn eines Holocaust-Überlebenden, der in Buchenwald und Auschwitz gewesen war, darüber aber niemals etwas berichten wollte. Er ist in Deutschland geboren; hier hat er immer gelebt. Seinen Vater habe er oft gefragt, wie er nach solchen Erlebnissen in Deutschland habe bleiben können, schilderte Fridman. Der Vater habe immer geantwortet, er hätte doch gar nicht gewusst wohin, er hätte doch gar nicht woanders leben können.
Wie lebt man als Jude heute in Deutschland? Das war die Frage am Schoah-Gedenktag. „Gut leben wir Juden in Deutschland“, antwortete Fridman plakativ. „Ich bin ja auch Deutscher, nur eben jüdischen Glaubens!“ Und er warf seinerseits die Frage auf, ob es denn einen Unterschied machen dürfe, welchen Glaubens und welcher Herkunft ein Mensch ist. „Wir sind doch alle schließlich nur Menschen!“ Aus seinem eigenen Leben berichtete Fridman, dass ihm nur selten Antisemitismus begegnet sei. Als Gemeindevorstand erfahre er allerdings von zahlreichen Ressentiments. „Weshalb denn an manchen Schulen der Ausruf ‚Du Jude‘ wieder ein gebräuchliches Schimpfwort geworden sei“, fragte er. Es komme eben darauf an, was Kinder und Jugendliche im Elternhaus und in der Schule hören und erfahren. Der Holocaust sei dort nicht selten kein Thema mehr. Stattdessen heiße es oft, dass es langsam genug sei mit dem Gedenken. „Das aber ist falsch! Es geht doch gar nicht darum, den Deutschen immer die Schuld zu geben. Die meisten heute Lebenden sind ohnehin nach 1945 geboren. Und auch viele andere Länder in der Welt tragen Schuld am Schicksal der Juden im 20. Jahrhundert“, betonte Fridman. „Es geht darum, nichts davon zu vergessen!“
Heute leben etwa 125.000 Juden in Deutschland – unter 84 Millionen Einwohnern. Eine verschwindend geringe Zahl. Aus Angst vor verbalen oder tätlichen Attacken wagten es viele nicht, sich offen zum Judentum zu bekennen. Jüdische Einrichtungen in Europa und in der Welt bräuchten Schutz durch  Polizeikräfte oder Sicherheitspersonal. Synagogen, jüdische Schulen und Kindergärten glichen Hochsicherheitstrakten. Fridman: „Das macht uns auch keinen Spaß!“ Und dass Männer mit Kippa (jüdische Kopfbedeckung) auf offener Straße beschimpft oder geschlagen würden, ist auch in Deutschland wieder vorgekommen. „Das ist nicht schön“, sagt Fridman dazu. „Das Judentum ist ein Teil von Deutschland. Und (nicht nur) Deutschland sollte weltoffen und tolerant sein.“ Das gelte es in den Schulen und Elternhäusern zu leben und zu lehren, z.B. durch zwischenmenschliche Begegnungen und Freundschaften, die aus persönlichen Kontakten, aus Reisen oder aus Schulaustauschprogrammen entstehen könnten.
Dass es vielerorts auch gut funktioniere, berichtete Fridman ebenfalls. Sein Arbeitgeber gewähre ihm selbstverständlich an jüdischen Feiertagen Urlaub, und Anfeindungen vonseiten der Kolleginnen und Kollegen gäbe es nicht. Und er erzählt, wie vor wenigen Jahren die jüdische Gemeinde Offenbach eine neue Thora erhalten habe: „Das war ein Festtag für die Gemeinde, an der auch viele nichtjüdische Bürgerinnen und Bürger der Stadt Offenbach teilgenommen haben. Aufklärung ist das Wichtigste: Dass Juden, Christen, Muslime, Atheisten, alle gleiche Menschen sind.“
Für Fragen und auch Einzelgespräche stand Henryk Fridman noch vielen Gästen zur Verfügung. Musikalisch gestaltet wurde die Gedenkstunde vom Klarinetten-Duo des Landesmusikgymnasiums Montabaur und vom Frauenchor Bocapella.


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