28.10.2020

Digitales Zeitzeug*innengespräch – ein gelungener Versuch

Zum ersten Mal findet ein Zeitzeug*innengespräch per Videoschalte statt. Das Ergebnis zeigt: Die persönliche Begegnung kann auch über ein Videogespräch verwirklicht werden.

Vom 15. bis 30. September weilte die polnische Zeitzeugin Alodia Witaszek-Napierala in Mainz.
Anlass ihres Aufenthaltes war eine Einladung des Landesamtes für Soziales, Jugend und Versorgung Rheinland-Pfalz, das Frau Witaszek-Napierala zur Jahrestagung der Zentralen Adoptionsstellen eingeladen hatte. Das Schicksal der Zeitzeugin, die während der deutschen Besetzung Polens zwangsadoptiert wurde, hatte die Veranstalter bewegt und den Wunsch nach einer persönlichen Begegnung geweckt.

Zudem konnte sich die Zeitzeugin einer dringend notwendigen Augenoperation unterziehen, die in dieser Form in Polen nicht möglich gewesen wäre.
Da Frau Witaszek-Napierała persönlich in Mainz war, bot es sich gleichzeitig an, das seit Jahren erprobte Konzept der Zeitzeug*innenenarbeit um ein weiteres, neues digitales Format zu erweitern, damit auch unter Pandemiebedingungen eine virtuelle persönliche Begegnung zwischen den Überlebenden und Schülerinnen und Schülern möglich wird. So fanden erstmalig mehrere Gespräche mit Schülerinnen der Maria Ward-Schule Mainz in Form einer direkten Videoschaltung statt.

Daran teilgenommen haben unter Anleitung von Frau Graw die Klassen 10c und 10b, die sich im Geschichtsunterricht mit ihren Lehrerinnen Frau Plötz und Frau Wiesemann gerade mit dem Thema des Nationalsozialismus befassen. Sie haben sich mit Hilfe der Ausstellungsbroschüre „„Deutsch machen“: Kinderraub der Nazis in besetzten Gebieten“ (Bistum Mainz) und der Biographie über Frau Witaszek (Reiner Engelmann, „Alodia, du bist jetzt Alice!“. München 2019) ausführlich auf die virtuelle Begegnung vorbereitet und beides mit großem Interesse gelesen. Tief beeindruckt waren die Jugendlichen davon, dass Frau Witaszek-Napierala immer wieder in ihre schmerzlichen Erinnerungen hineingeht und so zugewandt auf die junge Generation in Deutschland zugeht, um ihr bewegendes Kinderschicksal mitzuteilen. In den Feedback-Runden wurde auch deutlich, dass die Hilflosigkeit der Kinder während der Besatzungszeit auch heutige Jugendliche besonders bewegt und ihnen zugleich eine zusätzliche Dimension des Geschichtsunterrichts zeigt. Sehr froh waren die Schülerinnen um diese neuen digitalen technischen Möglichkeiten der Begegnung, weil sie genau wissen, dass sie mit zu den letzten gehören, die eine Zeitzeugin so persönlich erleben können.

Alle Beteiligten waren sehr überrascht und froh darüber, wie unmittelbar die Begegnung trotz der technischen Vermittlung wirkte und dass ein sehr direktes lebhaftes Gespräch zwischen der Zeitzeugin und den Schüler*innen entstand. Damit wurde deutlich, dass einer der wichtigsten Aspekte der Zeitzeugenarbeit – die persönliche Begegnung – auch über ein Video-Gespräch erfolgreich verwirklicht werden kann.

Den Gesprächen an der Maria Ward-Schule vorangegangen war ein Workshop auf Einladung des „Hauses des Erinnerns“ in Mainz, zu dem mehrere Lehrkräfte aus der Region eingeladen waren. Seitens pax christi Rhein-Main nahmen Jana Freudenberger und Alois Bauer teil.
Hier wurden die Möglichkeiten einer Video-Übertragung technisch und inhaltlich so aufbereitet, dass diese ersten Gespräche auf virtueller Basis erfolgreich durchgeführt werden konnten.

Begleitet und betreut wurde Frau Witaszek-Napierala während ihres Aufenthaltes von der Ehrenamtlichen Stephanie Roth, die seit Jahren die Zeitzeug*innenbesuche mit koordiniert. Finanziert und organisiert wurde der Aufenthalt von der Geschäftsstelle Weltkirche/Gerechtigkeit und Frieden im Bistum Mainz.

 


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