04.05.2021

Internationale Solidarität mit den „Vergessenen“ in den Flüchtlingslagern

pax christi-Mitglied Ingrid Reidt kritisiert am 1. Mai in Rüsselsheim sehr deutlich die aktuelle europäische Asyl- und Migrationspolitik. Hier finden Sie die vollständige Rede.

1. Mai 2021 Kundgebung in Rüsselsheim/Löwenplatz

 

- Menschenrecht statt Moria -

Redebeitrag von Ingrid Reidt

Betriebsseelsorgerin Südhessen/ Mitglied der Friedensbewegung Pax Christi

 

Solidarität ist Zukunft!

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

kaum ein besseres Thema gäbe es wohl in der gegenwärtigen Zeit. Einer Zeit, in der sich - befeuert durch die Ausbreitung des tödlichen Virus - die strukturellen Ungerechtigkeiten nochmal verschärfen, ja deutlicher werden denn je: Die Pandemie deckt „gnadenlos“ die Sozialen Schieflagen auf. Vor Ort und noch mehr weltweit!

 

Solidarisch mit Arbeitnehmer*innen und Stärkung der Mitbestimmung

 

Solidarität gilt denen, die das Virus versuchen bekämpfen und zuerst und vor allem all jenen, die – in Kliniken und andernorts - um das Leben eines jeden und jeder einzelnen Schwersterkrankten kämpfen. Rund um die Uhr kämpfen. Ärzte, Intensivschwerstern, und jedwedes medizinisch-pflegerischen Personal, das nicht nur physisch längst über ihre Kräfte hinweg arbeiten, sondern auch tagtäglich mit dem Tod von Menschen, und schrecklichem Leid konfrontiert werden.

An alle Kolleg*innen sei ein solidarischer Gruß hier von der Kundgebung aus zugerufen – denn viele von ihnen arbeiten heute, am Feiertag! Dieser Gruß an die Kolleg*innen ist freilich ist kein „sozial-romantisches Klatschen“, sondern wirklich ernstgemeinte Solidarität.

Solidarisch verbunden weiß ich mich in meiner Funktion als Betriebsseelsorgerin an diesem Tag natürlich auch den zig-Tausenden, die von den arbeitsweltlichen Folgen durch Corona betroffen sind:  von Kurzarbeit, drohender oder bestehender Arbeitslosigkeit. Menschen, die branchenübergreifend um ihre Existenzsicherung bangen.

Und ja, die Betroffenheit ist sehr unterschiedlich – die Ängste eines jeden und jeder aber sind ernst zu nehmen und nicht gegeneinander auszuspielen.

Lasst uns auch an die heute denken, die  – wie etwa die Kolleg*innen im Lebensmittelhandel – tagtäglich und oft unter prekären Umständen der Gefahr der Ansteckung aussetzt sind und an die aktiven Betriebs- und Personalräte, die die Mitbestimmung im Betrieb hochhalten und zu Coronazeiten mehr denn je verteidigen. Vielerorts ringen Betriebsräte um den Erhalt von Arbeitsplätzen und auch um den Erhalt hart erkämpfter Sozialstandards.

 

Internationale Solidarität mit den „Vergessenen“ in den Flüchtlingslagern!

Anders als sonst drängt es mich heute aber dazu, einen anderen Missstand in aller Deutlichkeit zu benennen:

Mein solidarischer Blick (als katholische Seelsorgerin aber auch als Mitglied der internationalen Friedensbewegung von Pax Christi) richtet sich in diesem Jahr vor allem auf die mich immer wieder neu erschreckende große und wachsende Gruppe von Menschen, die in besonderer Weise unsere Solidarität und unseren gesellschaftlichen Aufschrei brauchen - weil ihr Schicksal zunehmend in Vergessenheit gerät.

Es ist die Situation zigtausender Geflüchteter, die an den EU-Außengrenzen seit Monaten in menschenunwürdigsten Verhältnissen verharren.  Alte, Kranken, Eltern mit kleinen Kindern, gepeinigt von Krieg und Unterdrückung, seit Monaten eingepfercht in Lagern, oder auf Booten ins Mittelmeer und in den Tod geschickt.

Und was die Kinder angeht: Ganze Generationen werden durch Krieg und Flucht lebenslang traumatisiert.

Ich zitiere hier gerne die trefflichen Worte dafür aus einem aktuellen Bericht von medico international:

Auf den griechischen Inseln leben derzeit 18.000 Menschen unter unwürdigsten Bedingungen in den sogenannten Hotspots.

Auch jenseits der europäischen Grenze wie in Bosnien ist die Lage dramatisch:

Geflüchtete leben ohne jegliche Infrastruktur in offenen Baracken, im Wald und in verfallen Fabriken. Menschen, die ihr Recht auf Asyl in Anspruch nehmen wollen, werden an den EU-Außengrenzen durch Frontexbeamt*innen und nationalstaatliche Grenzschutzbeamt*innen mit illegalen Pushbacks davon abgehalten die EU zu erreichen.

Schon im vergangenen Jahr haben wir (Pax Christi, Betriebsseelsorge kath. Dekanat) mit der Kampagne "Kein Weihnachten in Moria" 

auch im Kreis Groß Gerau auf die unfassbaren Lebensumstände der Geflüchteten vor allem in Moria – nicht zuletzt aufgrund der Brandkatastrophe dort, hingewiesen. Wir sind ins Gespräch mit Politikern gekommen, haben die sofortige Evakuierung und Aufnahme der Menschen gefordert und gedrängt, die längst überfällige Veränderung der Asyl- und Migrationspolitik anzustoßen.

Wir haben Unterschriften gesammelt… ohne Widerhall. Nun ist erneut ein halbes Jahr vergangen – nichts ist passiert.

Die Lebenssituation der Menschen dort verschärft sich zusehends. Für viele lebensbedrohlich. Und die Welt schaut zu.

 

Menschenrecht statt Moria - Pax Christi Kampagne nimmt Politik in die Pflicht

 

Mit einer fortführenden Kampagne gehen wir - in breitem Verbund  und wie viele andere Organisationen - erneut in die Öffentlichkeit und fordern die Politik nachdrücklich zum Handeln auf:

„Menschenrecht statt Moria“ – so heißt die aktuelle Kampagne. Sie ist getragen von der Pax Christi und zahlreichen christlichen Verbänden, christlichen Dekanaten und Kirchen:

Gemeinsam kritisieren wir aufs Schärfste die aktuelle Asyl- und Migrationspolitik der EU.  Denn diese ist vor allem an den Außengrenzen gekennzeichnet von der Missachtung des Völkerrechts und Verstößen gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. ·    

Wir fordern die

·       Evakuierung der Geflüchteten aus den Lagern an den EU-Außengrenzen

·       Schließung sogenannter "Hotspots"

·       und Aufnahme der Geflüchteten durch Städte und Kommunen in Deutschland ermöglichen.

Und: Wir werden – insbesondere im Vorfeld der Bundestagswahlen - nicht nachlassen, an diesen Forderungen festzuhalten und die Politik zur Verantwortung und in die Pflicht zu nehmen. Denn ganz im Sinne des befreiungstheologischen Ansatzes, den Leonardo Boff zeitlebens vertritt:   Solange es einen einzigen Armen und unterdrückten Menschen auf dieser Welt gibt, der aufschreit, dürfen wir nicht schweigen…

Gemeinsam gegen Fremdenfeindlichkeit und für die Einhaltung von Menschenrecht

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Solidarität ist Zukunft: Der 1. Mai ist wichtiger Tag der Gewerkschaften, die für Gerechtigkeit kämpfen und klare Kante gegen jegliche Form der Fremdenfeindlichkeit zeigen. An diesem Tag  ist es mir ein hohes Anliegen, dringend um aktive Solidarität mit den "Ärmsten der Armen" werben. Solidarität mit den vom Krieg vertriebenen und von Krieg und Armut geschundenen Menschen. Jetzt zu Coronazeiten noch einmal mehr. Sie sind Opfer kriegerischer Gewalt, die sich auch davon nährt, dass sich auch deutsche und europäische Rüstungsindustrie eine goldene Nase verdient.

Denn eines ist heute zu Coronazeiten nicht anders als zuvor: Menschenverachtendes, fremdfeindliches Gedankengut lebt und nährt sich seit jeher davon, Gesellschaften zu spalten, Menschen gegeneinander aufzuhetzen, zu polarisieren. Rechtspopulisten operieren mit der Angst der Menschen. Die Armen werden auf perfide Weise gegen die der Ärmsten der Armen ausgespielt. Dies – liebe Kolleginnen -dürfen wir nicht zulassen.

Die Ärmsten nicht gegen die Armen ausspielen!

Dieser erbärmlichen Machenschaft fremdenfeindlicher, spalterischer Gesinnung gilt es das Handwerk zu legen und sich ihr aufrecht entgegenzustellen: Mit einer anderen nämlich Menschen liebenden und achtenden Haltung und der radikalen Einhaltung des Menschrechts.  Unsere globale Welt braucht unsere globale Solidarität: Solidarisch sein heißt in allen unsere Brüder und Schwestern zu sehen. Lasst uns daher gemeinsam engagieren: Als Gewerkschaftlerinnen und Gewerkschaftler, als Christenmenschen und als Bürgerinnen und Bürger. Die Kampagne Menschenrecht statt Moria ist eine von vielen Möglichkeiten dazu.

Solidarität ist Zukunft. Hier vor Ort und auch weltweit.

 

 


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