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Bericht: Solidaritätskundgebung

für die Jüdische Gemeinde in Gießen

Nachdem am 13. Januar ein 32-jähriger Mann Müllcontainer vor dem Eingang der Synagoge in Gießen in Brand gesetzt und dabei den Hitler-Gruß gezeigt hatte, haben sich am Sonntag, den 1. Februar, etwa 300 Menschen auf dem Kirchenplatz in Gießen versammelt, um ihre Solidarität mit den Juden und Jüdinnen in ihrer Stadt zu zeigen. Zu der Kundgebung hatten rund 50 Organisationen eingeladen: Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften, Parteien, Bürgerbündnisse und zivilgesellschaftliche Organisationen - darunter auch pax christi Rhein-Main.

Menschen wurden bei dem Brandanschlag nicht verletzt. Dennoch dürfen solche Anschläge nicht weniger ernst genommen werden. Vor allem auch weil der Standort der neuen Synagoge an die Niederbrennung der alten Synagogen und die Deportation der Juden aus Gießen unter dem NS-Regime erinnere, wie Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher betonte. Die Kundgebung war eine solidarische Reaktion auf den Vorfall und ein Zeichen für den Zusammenhalt gegen Antisemitismus. In mehreren Reden wurde betont, dass jüdisches Leben in Gießen sichtbar bleiben müsse und die Stadt fest an der Seite der jüdischen Gemeinde stehe.

Für die Zivilgesellschaft sprachen Klaus Zecher (DGB-Kreisvorsitzende) und Marie Gillissen (Omas gegen Rechts, pax christi). Immer wieder führe rechter Terror zu Angst und Spaltung. Zecher mahnte daher: „Die Solidarität mit der jüdischen Gemeinde ist heute wichtiger denn je. Wir lassen uns nicht spalten, wir stehen zusammen!“ Frau Gillissen, Mitglied des Bundesvorstandes von pax christi, betonte außerdem, dass sich der Angriff nicht nur gegen Einzelne richte, sondern „ein Angriff auf das Fundament unserer Gemeinschaft“ sei. „Friede zwischen Religionen und Ethnien ist eine aktive Entscheidung. Er beginnt dort, wo die Neugier das Vorurteil besiegt. Religionen lehren uns im Kern Mitgefühl, Nächstenliebe und Respekt. Wir stehen heute hier, um eine klare Botschaft zu senden: Gewalt mag Zerstörung bringen, aber sie wird niemals das letzte Wort über unser Zusammenleben haben.“

Für die christlichen Gemeinden in Gießen sprachen der evangelische Pfarrer Matthias Weidenhagen und der katholische Pfarrer Benjamin Weiß gemeinsam darüber, dass für sie als Christen der Kontakt zur jüdischen Gemeinde auch ein Kontakt zu ihren Wurzeln sei. Es brauche mehr Zusammenhalt in der Gesellschaft und Christen müssten sich der eigenen Bezüge zum Judentum bewusst werden, anstatt – wie so lange – Hass und Feindseligkeit walten zu lassen.

Für die Gießener Parteien verlas der Schauspieler Roman Kurtz eine gemeinsame Erklärung. Darin verurteilen sie den Brandanschlag, der einen Angriff auf die gesamte Gesellschaft bedeute. Er wecke schlimme Erinnerungen, sei aber vor allem Mahnung und Auftrag zugleich: Solidarität mit der jüdischen Gemeinde sei nicht nur eine Verteidigung von Grundrechten wie Religionsfreiheit und Menschenwürde, sondern auch eine Pflicht angesichts der deutschen Vergangenheit.

Dow Aviv, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, schloss die Kundgebung mit den Worten ab: „Diese Kundgebung endet jetzt, aber die Verantwortung darf es nicht. Haltung zu zeigen, darf kein einmaliger Moment sein, sondern muss Alltag werden.“