Nachricht

„Dem zu viel an Gewalt, setzen Christen ein Mehr an Liebe entgegen!“

Predigt des Mainzer Weihbischofs im Weltfriedenstagsgottesdienst am 22. Januar 2017 in St. Bonifatius Gießen

„Dem zu viel an Gewalt, setzen Christen ein Mehr an Liebe entgegen!“

(Es gilt das gesprochene Wort.)

Schwestern und Brüder, Fortschritt ist ein magisches Wort: Was erhoffen wir uns nicht alles vom Fortschritt? Gesundheit, Wohlstand, ungeahnte Möglichkeiten. Fortschritt meint in unseren Ohren immer: Weiterentwicklung zum Besseren. Wenn wir aber genauer hinschauen, dann müssen wir zugeben, dass wir viele Schritte, die wir auf dem Weg des Fortschritts gehen, oft auf Kosten anderer gehen und dass dafür ein hoher Preis zu zahlen ist: auf Kosten der Umwelt, auf Kosten der Schwächeren und Armen, auf Kosten der nachfolgenden Generation. Wo immer aber der Fortschritt auf Kosten anderer geht, steht er auf wackeligen Beinen. Fortschritt auf Kosten anderer ist eigentlich Rückschritt.

Als ich mich auf diese Predigt heute zum Weltfriedenstag vorbereitete, meldeten die Nachrichten die ersten Zitate der Antrittsrede des neu vereidigten amerikanischen Präsidenten. Auch er beschwor den Fortschritt, natürlich den Fortschritt Amerikas, indem er alles unter die Überschrift stellte: „Amerika first“ – Amerika zuerst! Fortschritt nach der Maxime „Ich zuerst!“? Fortschritt auf dieser Basis wird Rückschritt bedeuten! Wirklicher menschlicher Fortschritt wertet andere nicht ab, diskreditiert nicht und grenzt nicht aus. Wirklich menschlicher Fortschritt hat immer auch den Anderen im Blick. Nur im Respekt voreinander und in der Verantwortung füreinander gelingt uns echter menschlicher Fortschritt. Deshalb hatte Papst Paul VI. recht, wenn er vor fünfzig Jahren zum ersten Weltfriedenstag genau diese Worte wählte: „Friede ist der einzig wahre Weg menschlichen Fortschritts.“ Seit fünfzig Jahren begehen wir alljährlich den Weltfriedenstag. Wir setzen damit ein besonderes Zeichen, weil wir wissen, dass der Frieden immer neu mühsam errungen werden muss. In diesen fünfzig Jahren haben wir manchen Fortschritt im Frieden erlebt – aber erst recht auch herbe Rückschläge und Rückschritte erleiden müssen. Papst Franziskus setzt mit seinem Friedensappell zu diesem 50. Weltfriedenstag radikal im wörtlichen Sinne an (v. lat.: radix, Wurzel) – Er schaut auf die Wurzel, von der aller Unfriede ausgeht. Nur wenn wir die Wurzel des Unfriedens erkennen, können wir uns auch wirksam für den Frieden engagieren.

Wo liegt denn die Wurzel des Unfriedens? Der Papst schaut auf Jesus. Wie Jesus stellt er die Frage: „Begreift auch ihr nicht? … Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken.“ (Mk 7.21) Der Unfriede hat seine Wurzel in unseren Herzen. Und deshalb hat auch nur ein Friede Bestand, der von innen, aus einem friedvollen Herzen kommt. Papst Franziskus bringt es auf den Punkt, wenn er ein zugegeben drastisches Bild wählt: „Das eigentliche Schlachtfeld, auf dem Gewalt und Frieden einander begegnen, [ist] das menschliche Herz.“ (Friedensbotschaft Nr. 3) Von innen kommen Bosheit, Neid, Hochmut, Lästerung, die Angst zu kurz zu kommen und alles, was Unfriede auslöst. Die Angst zu kurz zu kommen, ist die Wurzel von allem Unfriede. Und sagen wir nicht, das sei ein frommer, spiritualisierender Gedanke angesichts der enthemmten Gewaltorgien, die wir gegenwärtig auch mitansehen und auch mit erleiden müssen. Alle Gewalt nimmt ihren Ausgang aus den kranken Herzen Einzelner! Ein krankes Herz formt die Gedanken, gießt sich in Sprache und mündet in gewalttätige Taten und springt von da aus über auf andere und entfesselt eine neue Dynamik! Das ist der Weg des Unfriedens! Der Frieden muss hier ansetzen. Er muss denselben Weg gehen, um dem Unfrieden wirklich entgegenwirken zu können!

Wirklicher Friede nimmt seinen Ausgang in den Herzen der Einzelnen. Und deswegen steht am Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu, als er anfängt das Reich Gottes zu verkünden, zuerst der Ruf: „Kehrt um!“ Wenn das menschliche Herz tatsächlich das Schlachtfeld ist, auf dem Gewalt und Friede einander begegnen, wie der Papst sagt, dann gibt es auch keinen Frieden ohne Herzensumkehr. Friede setzt die rechte Herzensbildung voraus. Was gehört zu einer solchen Herzensbildung? Wir müssen immer wieder nüchtern und ehrlich die Abgründe unseres eigenen Herzens wahrnehmen und ehrlich sehen, welche Neigung zur Aggression in jedem von uns schlummert. Kehrt um! Machen wir uns an diesem Punkt nichts vor, sonst können wir nie den Weg des Friedens gehen. Der Hl. Franz von Assisi fordert: „Wenn ihr mit dem Mund den Frieden verkündet, so versichert euch, ob ihr ihn auch, ja noch mehr, in eurem Herzen habt.“ (Dreigefährtenlegende Nr. 1469)

Zu dieser Herzensbildung gehört aber auch nicht nur der nüchterne und ehrliche Blick auf mich selbst, sondern zugleich der liebevolle Blick auf den Anderen. Nur wenn ich im Anderen ein Abbild und die Ähnlichkeit Gottes erkenne, werde ich auch seine unantastbare Würde als eben dieses Abbild Gottes respektieren. Das ist die unbedingte Basis, auf der wir miteinander den Frieden leben, Konflikte durch Dialog und gegenseitige Achtung zur Versöhnung geführt werden und Gewaltfreiheit keine Utopie bleibt.

Schwestern und Brüder, von hier aus nimmt der Friede seinen Weg. Deshalb sind auch unsere engsten menschlichen Beziehungen der entscheidende Nährboden, auf dem die Herzensbildung geschieht: Wie sieht es in unseren Familien damit aus? Wie ermöglichen wir unseren Kindern in den KiTas, in der Schule, in unseren Kinder- und Jugendgruppen eine solche Herzensbildung? Hier wird der Same gesät.

Von hier aus springt der Funke über, entfaltet der Frieden seine Dynamik hinein in unser gesellschaftliches Miteinander, auf das friedliche Miteinander der Religionen, der Kulturen und der Völker. Der Friede fängt klein an. Wenn er aber hier nicht anfängt, kann er nirgends ansetzen. Alles in der Welt hängt auf sensible Weise miteinander zusammen. Wir leben nicht nur in einem biologischen Ökosystem, das aufeinander abgestimmt ist. Wir leben auch in einem humanen Ökosystem der menschlichen Beziehungen und der moralisch-ethischen Dynamik, in dem es wechselseitige Abhängigkeiten gibt, wie Papst Franziskus betont. Was in meinem Herzen geschieht, ist nicht gleichgültig, sondern hat eine Dynamik und Kraft, die ausstrahlt und das gesamte Miteinander beeinflusst – im Guten wie im Schlechten: Das ergibt die erschreckende Dynamik der Gewalt, wie wir sie erleben. Das gilt aber auch für die heilsame Dynamik des Friedens und der Gewaltfreiheit, die nicht ohne Wirkung bleibt.

Bleibt diese Vision eine Utopie? Wir erleben es doch immer wieder, wie viel Unheil oder eben Heil von Einzelnen ausgehen kann. Ist das nicht auch die Angst, die uns angesichts des derzeitigen politischen Klimas umtreibt? Nämlich wie viel Unheil Einzelne anrichten können? Lassen wir uns von dieser Angst nicht lähmen. Wir Christen haben gerade jetzt die Sendung und den Auftrag, Zeugnis zu geben von unserer Vision des Friedens. Wir haben gerade jetzt die Aufgabe, etwas entgegenzusetzen und Einhalt zu gebieten: dem Zündeln und Spielen mit dem Feuer mancher politischer Akteure mit ihrem populistischen Reden, ihren unsäglichen Provokationen, durch ihre verräterische Sprache, die den Samen der Spaltung und Ausgrenzung und Gewalt säht. All dem können wir die Dynamik der Versöhnung, die Kraft der Achtung und des Respekts, der Integration und der Freiheit entgegensetzen. Jesus hat sich von dieser Vision leiten lassen und sein Wirken damit begonnen – wie wir im Evangelium gehört haben. Er zitiert den Propheten Jesaja: „Das Volk, das im Dunkeln lebte, hat ein helles Licht gesehen.“ Damit beginnt er sein Wirken für das Reich Gottes, ruft Menschen zur Umkehr und zur Nachfolge. Von welchem Licht lassen wir uns leiten? Christus ist das Licht, das Friesen in unsere Herzen bringt. Auch wir sind in diese Nachfolge gerufen. – Vertrauen wir auf die Kraft dieser Vision. Oder – um es mit Papst Benedikt zu sagen: Setzen wir dem „zu viel“ an Gewalt ein „Mehr“ an Liebe entgegen! (Friedensbotschaft Nr. 3) Und vertrauen wir darauf, dass dies seine Wirkung nicht verfehlt.