Schönen guten Abend!
Mein Name ist Günter Harmeling, ich bin Theologe und Krankenpfleger. Wer mich „zivilgesellschaftlich“ verorten möchte: ich bin Mitglied der Pax-Christi-Gruppe Idstein.
Über die Lage des Gesundheitswesens in und vor der Pandemie ist an dieser Stelle an den letzten Montagen ausführlich die Rede gewesen. Und Kerstin Meinhardt hat soeben ein beeindruckendes Statement eines Arztes einer Covid-Station verlesen. Deshalb beschränke ich mich heute auf die Rolle des Theologen.
Am vergangenen Montag standen hier auf dem Platz zwei Männer von der FDP mit einem Plakat, auf dem zu lesen war: „Besser miteinander reden als gegeneinander demonstrieren.“ Das ist ein wichtiger Hinweis. Unklar blieb, wer die Adressaten dieser Botschaft sein sollten. Sollten wir nicht gegen die Spaziergänger demonstrieren oder sollte überhaupt niemand demonstrieren und auch nicht spazieren gehen? Nun könnten wir uns damit herausreden, dass wir ja gar nicht „gegen jemanden“ demonstrieren, sondern „für“. Für Solidarität in der Pandemie: also für Masken-Tragen, für das Einhalten von Regeln, für das Impfen. Um gemeinsam und eben nicht gegeneinander endlich aus der Pandemie herauszukommen. Selbst Michael Kretschmer, der Ministerpräsident von Sachsen, hat kürzlich gesagt: „Es geht nicht immer nur um das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, sondern auch um den Schutz des Wir.“
Ich stehe hier unter anderem, weil mir ein paar Sätze aus dem Brief des Apostels Paulus an die Christen-Gemeinde in Ephesus, geschrieben um das Jahr 62 unserer Zeitrechnung, nicht aus dem Kopf gehen. Und diese Sätze machen deutlich, dass es vermutlich kein „Für-Etwas-Stehen“ gibt ohne ein „Gegen-Etwas-Stehen“. Deshalb von mir zwei Griffe in die Werkzeugkiste der Theologie.
Also. Paulus. Epheserbrief. Zitat: „Schwestern und Brüder. Wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die Beherrscher, Mächte und Geister, die Dämonen der Lüfte. … Seid also standhaft: Gürtet euch mit der Wahrheit, zieht als Panzer die Gerechtigkeit an und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen.“ - Zitat Ende.
So weit! So dick! Und zweimal das Wort: „Gegen“! Aber eben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut, sondern gegen die „Beherrscher, Mächte, Geister und Dämonen der Lüfte“. Wer glaubt denn heute noch an so was?
Theodor W. Adorno zum Beispiel, der Begründer und „Godfather“ der Kritischen Theorie. Er nannte es nur anders. Er nannte es Verblendungszusammenhänge“, die die Köpfe der Menschen aus Fleisch und Blut beherrschen. Ich meine, Paulus und Adorno würden sich gut verstehen. Diesen „Verblendungszusammenhängen“ in den Köpfen der Menschen gilt es „standhaft“ entgegen zu wirken. Mit „Wahrheit“ zum Beispiel. Was in Zeiten „alternativer Wahrheiten“ aber auch schon schwierig ist. „Was ist Wahrheit?“, ist die Frage des Pilatus im Prozess gegen Jesus. In dieser Frage steckt die Relativierung dessen, „was ist“. Aber, Zitat Rosa Luxemburg: „Zu sagen, was ist, bleibt die revolutionärste Tat.“ – Zitat Ende –
Ich meine, auch Rosa Luxemburg und Paulus würden sich gut verstehen. Deshalb stehen wir hier: Es ist Pandemie. Es ist eine Reihe von Regeln, die gegen die Pandemie helfen. Es ist Impfen, was gegen die Pandemie hilft. Und es ist Gerechtigkeit, solidarisch zu sein und den Schutz des Wir einzufordern, auch und gerade um Freiräume für das Selbstbestimmungsrecht der Einzelnen wieder frei zu bekommen. Niemand ist eine Insel!
Wie machen wir das? Theologiekiste, zweiter Griff. 16. Jahrhundert. Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, schreibt ein Buch. Titel: „Geistliche Übungen“. Am Anfang dieses Buches macht er ein „Präsupponendum“, eine „Voraussetzung“.
Zitat: „Es ist vorauszusetzen, dass jeder gute Christ (ich ergänze: jeder Mensch) bereit sein muss, die Aussage seines Nächsten eher zu retten als sie zu verurteilen; und wenn er sie nicht retten kann, erkundige er sich, wie jener Nächste sie versteht, und versteht er sie schlecht, so verbessere er ihn mit Liebe. Und wenn das nicht genügt, suche er alle verhältnismäßigen Mittel, damit jener, indem er sie gut versteht, sich rette.“ Zitat Ende.
So weit, so behutsam. Zumindest am Anfang. Spazierengehen ist in diesen Zeiten eine Aussage. Besser: Aussagen. Welche? Solange wir nicht reden, können wir nur vermuten:
Bedenken gegen das Impfen – weil es wirkungslos sei oder gar schädliche bis tödliche Nebenwirkungen habe?
Bedenken gegen politische Maßnahmen, weil diese die sogenannte „Freiheit“ einschränkten, bis hin zum Vorwurf einer „Corona-Diktatur“?
Ein „dumpfes Grollen“ gegen „Alles“, was „die da oben“ machen, eine allgemeine „Staats- und Demokratieverdrossenheit“?
Phantasien über eine impfgestützte Umvolkung unter der Leitung von Bill Gates?
Und, nicht zu vergessen: die Aussagen pfiffiger Strippenzieher aus dem rechten Spektrum, die es immer schon verstanden haben, „dumpfes Grollen“ in ihrem Sinne politisch zu instrumentalisieren.
Mit anderen Worten: die „Aussagen“ der Spaziergänge sind stumm und diffus. In meiner Kindheit gab es eine Fernsehserie mit Stummfilmen. Titel der Serie: „Als die Bilder laufen lernten.“ Welche Bilder in den Köpfen welcher Menschen lernen auf diesen Spaziergängen laufen? Wir wissen es nicht, solange es Stummfilm-Bilder bleiben. An manchen Orten in dieser Republik haben die Stummfilme wenigstens Untertitel in Form von Transparenten und Plakaten. Die nichts Gutes ahnen lassen…
Zurück zu Ignatius: Welche Aussagen sind möglicherweise „eher zu retten, als zu verurteilen“? Und welche Aussagen sind klar zu verurteilen? Wie kann das gelingen, durch Erkundigungen Menschen „mit Liebe“ dazu zu bringen, sich selber besser zu verstehen als bisher? Schlussendlich: was sind all diese (laut Ignatius) „verhältnismäßigen Mittel“, deren Einsatz dazu dienen soll, dass der Andere sich selber besser verstehe und sich damit „rette“?
Ich zitiere den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen aus einem Artikel im Spiegel vom 15. Januar diesen Jahres:
„Eine ausreichend respektvolle Konfrontation scheint mir das Kommunikationsgebot der Stunde: klar sprechen, die falsche Position scharf kritisieren, aber ohne durch die pauschale Verdammung der Person den Teufelskreis der Totalabwertung voranzutreiben.“
Besser könnte man Paulus heute nicht übersetzen: „Wir haben nicht gegen Personen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen die falschen gedanklichen Mächte und Gewalten, gegen die Verblendungszusammenhänge, die in der Luft liegen und die Menschen beherrschen...“
Damit komme ich am Schluss wieder an den Anfang zurück: „Miteinander reden und nicht gegeneinander demonstrieren!“, zitierte ich am Anfang das FDP-Plakat.
Ich meine, auch unsere Demonstration gehöre zu den „alle verhältnismäßigen Mittel“, von denen Ignatius spricht, zu der „ausreichend respektvollen Konfrontation“ von der Bernhard Pörksen spricht.
Bis gestern Nachmittag dachte ich noch, hier solle meine Rede enden. Dann stieß ich in den Nachrichten auf zwei Informationen vom Wochenende, die mich betroffen machten:
Am Samstag durchbrachen in Leipzig etwa 50 „SpaziergängerInnen“ eine Polizeiabsperrung und stürmten auf das Gelände der Universitätsklinik. Das Gelände erwies sich allerdings als Sackgasse, so dass die Polizei die Personalien der „SpaziergängerInnen“ feststellen konnte. Für die Spaziergänger: „dumm gelaufen“.
Schlimmer: Am Sonntag, dem 30. Januar (dem Jahrestag der Machtergreifung Hitlers) führten „QuerdenkerInnen“ in Nürnberg eine Veranstaltung unweit des Reichsparteitagsgeländes durch. Wer sich an diesem Tag und an diesem Ort in Nürnberg zum „Querdenken“ versammelt, hat entweder überhaupt keine Ahnung von Geschichte – oder er hat eine sehr gute Ahnung von Geschichte und will die auch zum Ausdruck bringen!
Liebe Idsteiner SpaziergängerInnen! Wir werfen Sie nicht mit den „braunen Socken“ in einen Topf. Das besorgen die „braunen Socken“ schon von selbst. Ich bitte Sie:
Distanzieren Sie sich und, vor allem, artikulieren Sie sich! Beenden Sie Ihr vieldeutiges Schweigen und beginnen Sie eindeutig zu reden! Melden Sie eine Versammlung beim Ordnungsamt der Stadt Idstein an und bringen Sie zur Sprache, was Sie derzeit so sprachlos durch die Stadt tragen!

