pax christi Friedenswege 2025 in der Rhön in der Zeit von 28.05. - 01.06.2025
Gottes Weisheit und das Friedenshandeln der Menschen
Die Aussicht auf einige Tage Unterwegssein mit Gleichgesinnten lockte vom 28. Mai bis 1. Juni 2025 achtzehn Wanderfreudige in das „Land der offenen Fernen“ – genauer gesagt ins Josef-Engling-Haus der Schönstatt-Schwestern in Künzell-Dietershausen in der Rhön. Wir wurden dort sehr herzlich von den Schwestern und ihrem Hauspersonal aufgenommen. Wir fanden uns wieder in einem hellen und geräumigen Haus mit schönen Zimmern, gutem Essen und reichlicher Getränkeversorgung sowie mit eigenem Schönstatt-Heiligtum. Es war die beste Ausgangslage für Wanderungen in die nähere und etwas weitere Umgebung.
Natürlich wollten wir nicht nur wandern und gut essen, sondern es verlangte uns auch nach geistiger Nahrung. Auch dafür war gesorgt; es gab Einiges zu kauen. Thema in diesem Jahr war „Weisheit“: „Die Gesellschaft spaltet sich. Der offene, faire, respektvolle und milieu-übergreifende Diskurs wird nicht mehr gepflegt. Wir sind auf der Suche nach Wegen in eine gute Zukunft und wünschen uns Weisheit für Entscheidungen, die wir treffen müssen. Doch wo finden wir die dringend nötigen Quellen der Weisheit?“ (Zitat aus der Ausschreibung). Schon am Ankunftsabend tauchten wir in dieses Thema ein mittels Bibelteilen von Jak 3, 13-18, wo es um die Unterscheidung der „Weisheit von unten“ und der „Weisheit von oben“ geht. Schon da tauchte Fragen auf: Was ist Weisheit? Ist sie etwas für Menschen wie uns? Kann man sie überhaupt lernen? Ist es nicht sehr anspruchsvoll ein weiser Mensch zu sein, und will man das? Die Bibel sagt, dass man über die Weisheit stolpert, wenn man morgens aus dem Haus geht (Weisheit 6, 14), aber so einfach kann es nicht sein, oder?
Am Himmelfahrtstag besuchten wir den örtlichen Festgottesdienst und gingen einen Teil des Prozessionswegs mit, der in mehreren Stationen auch am Schönstatt-Heiligtum vorbeiführte. Fahnen und Blaskapelle erinnerten uns an die Festprozessionen unserer Kindheit, die es heute meist nicht mehr in dieser Form gibt. Danach führte uns unsere Wanderung zum Loheland, einer anthroposophischen Einrichtung mit Waldorfschule, Laden und Café. Wir hielten unser Picknick auf dem Schulhof. Die Tischtennisplatte war unsere Festtafel - perfekt. Vor dem Rückweg zog uns die Aussicht auf Eis und Cappuccino ins Café. Damit die Gruppe auf dem Weg nicht auseinanderlief, gab es immer wieder einen Stopp zum Sammeln, der mit einer kurzen Weisheitsgeschichte von Anthony de Mello aufgelockert wurde. Mal zum Schmunzeln, mal zum Nachdenken. Am Abend beschäftigten wir uns – nach einem Impuls mit Gedichten von Christian Morgenstern und Zitaten aus dem Buch „Der Weg der Weisheit“ von Richard Rohr - mit unseren Wurzeln und unserem eigenen „Innenleben“: Wie gehe ich mit meinen dunklen Seiten um? Was möchte ich loslassen? Welche Vorbilder helfen mir bei meiner Suche? Nach diesen tiefgründigen Fragen freuten sich alle über den gemütlichen Tagesausklang, so wie an den folgenden Tagen auch.
Der Freitag startete mit einem Morgenlob im Schönstatt-Heiligtum, bei dem wir das Wort Frieden durchbuchstabierten. Später fuhren wir an die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Im „Haus auf der Grenze“ und dem ehemaligen amerikanischen Beobachtungspunkt „Point Alpha“ erfuhren wir viel über das Leben an der Grenze und die Gefahren des kalten Kriegs. Erschreckend waren die Schicksale von Menschen, die in der DDR drangsaliert, umgesiedelt, entwürdigt und getötet wurden; unvorstellbar, wieviel Arbeit und Geld in diese Grenze investiert wurde, um ein Verlassen der DDR zu verhindern. Nicht minder erschreckend waren die menschenverachtenden Strategien des Westens zur Abwehr eines möglichen russischen Einmarschs durch die „Fulda Gap“, die zum Glück nie umgesetzt werden mussten. Wir hätten es nicht überlebt. Über diese Erkenntnis konnte auch die grandiose Aussicht vom Beobachtungsturm nicht hinwegtäuschen. Nach einem Picknick auf dem Grenzstreifen begaben wir uns auf den „Weg der Hoffnung“. Der Künstler Ulrich Barnickel hat hier entlang des Kolonnenwegs einen Kreuzweg aus bis zu 4m hohen Metallskulpturen errichtet, der auf sehr eindrückliche Weise die Leiden Jesu mit den Leiden der unterdrückten regimekritischen Menschen in der DDR verbindet. Die letzte Station eröffnet jedoch das Tor zu Leben, Hoffnung und Weite. Wir begleiteten alle Stationen mit Fürbitten. Den Abend nutzten wir zum Austausch über unsere Eindrücke des Tages. Angeregt vom „Weg der Hoffnung“ stellten wir uns zu lebenden Skulpturen auf, um diese Eindrücke zu verdeutlichen.
Auch der Samstag startete mit einem Morgenlob, bei dem ein Text von Navid Kermani unseren Blick auf Gemeinsamkeiten der Religionen und das friedliche Zusammenleben lenkte. Ausgangspunkt unserer heutigen Wanderung war die Kirche St. Wendelinus am Wachtküppel. Diesen kleinen Gipfel (komplett mit Gipfelkreuz und sensationeller Aussicht) erstiegen wir, bevor wir uns – wieder begleitet von kurzen Weisheitsgeschichten - auf den Höhenweg zum Guckai-See machten. Unsere Picknickwiese teilten wir mit Lamas, die eine andere Wandergruppe dort anpflockte. Nach einer Runde um den See und einer gemütlichen Wanderung zurück trafen wir in St. Wendelinus auf eine Hochzeit. Das Paar zog gerade aus der Kirche aus. Zurück in Dietershausen luden uns die Schwestern zur letzten Maiandacht mit anschließendem Kaffee und Kuchen bei Volksliedersingen ein. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Sr. Isabella erzählte uns nach dem Abendessen auf sehr frohe und beeindruckende Weise von ihrer Gemeinschaft der Schönstatt-Schwestern und dem Gründer der Schönstatt-Bewegung, Pater Kentenich. Das Gespräch zu unserem Thema „Weisheit“ an diesem Abend rankte sich darum, dass Weisheit ein Geschenk ist, und nicht nur allein mit Wissen, sondern auch mit Erfahrung und Herzensbildung zu tun hat. All dies brauchen wir, damit wir achtsam werden und das eigene Ego loslassen können, um in Frieden und Gerechtigkeit miteinander zu leben.
Den Abschluss am Sonntag bildeten ein Gottesdienstbesuch in der Franziskanerkirche auf dem Frauenberg und die anschließende Einkehr im Café Flora mit einem wundervollen Blick über Fulda. Das Wetter hielt, bis wir uns voneinander verabschiedet hatten und alle auf dem Heimweg waren. Klar ist: das nächste Jahr sind wir wieder in Dietershausen. Schon mal vormerken - Pfingsten 2026.
Hiltrud Bibo

