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Geistliche Begleitung im Vernichtungskrieg

Besprechung von Dagmar Pöppings Buch "Kriegspfarrer an der Ostfront. Evangelische und katholische Wehrmachtsseelsorge im Vernichtungskrieg 1941-1945"

Spätestens mit der berühmten Ausstellung  „Verbrechen der Wehrmacht“ in den 1990er Jahren kann es als gesicherte Erkenntnis gelten: Der Angriff Nazideutschlands auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 zielte nicht nur auf den Sieg über die Rote Armee und die Eroberung angeblich fehlenden ‚Lebensraums im Osten‘. Der Krieg im Osten war von vornherein als Vernichtungskrieg angelegt, in dem das Kriegsvölkerrecht gegenüber jüdischen und slawischen „Untermenschen“ außer Kraft gesetzt wurde. Wenig ist bisher untersucht worden, was die Beteiligung an diesem besonderen Feldzug für die darin – wie an allen Fronten – eingesetzten christlichen Seelsorger bedeutete, teils dauerhaft beamtete Wehrmachtspfarrer, teils nur für die Zeit des Krieges abgeordnete Kriegspfarrer. Nahmen sie den besonderen Charakter dieses Krieges wahr? Beeinflusste das ihre Predigt und Seelsorge? Berichteten sie davon in die Heimat? Versuchten sie gar, einzelne Maßnahmen zu unterlaufen oder dagegen zu protestieren? Dies untersucht mit bisher nicht gekannter Ausführlichkeit das Anfang 2017 erschienene Buch „Kriegspfarrer an der Ostfront“ der Historikerin Dagmar Pöpping von der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte. Sie greift dabei neben amtlichen Quellen auf bisher unveröffentlichte private Aufzeichnungen von Beteiligten wie Briefe und Tagebücher zurück. Diese ermöglichen bisher unbekannte Einblicke in das subjektive Kriegserleben der Militärpfarrer.

Deren Rolle machte sie – ob sie wollten oder nicht –  zu Dienern zweier Herren. Zum einen waren sie ihrem kirchlichen Auftrag zum seelsorglichen Beistand für die Soldaten verpflichtet: Gespräche, Sakramentenspendung, Krankenbesuch im Lazarett bis hin zur Begleitung bei Hinrichtungen zählten zu dieser Betreuung. Dies alles erforderte aber nicht nur die persönliche Einfühlung, sondern im Sinne „geistiger Rüstung“ auch die theologische bis ideologische Sinngebung für das Kriegsgeschehen, in das die Soldaten als Täter und Opfer verwickelt waren. Hauptsächlich geschah das durch eine fragwürdige Analogiebildung zwischen dem – heilnotwendigen – Opfertod Jesu Christi und dem Tod der Soldaten im Krieg. Der bekannte evangelische Theologe Werner Elert deutete das Christusgeschehen so, dass sich darin „das für die deutsche Gegenwart des Krieges so elementare, schicksalhafte und stellvertretende Soldatenopfer (/…) präfiguriere.“ (S.129)  Damit stand er nicht allein. Die Autorin resümiert: „Es lässt sich festhalten, dass die christliche Interpretation des Soldatentodes als Nachfolge Christi und Teilhabe am christlichen Heilsgeschehen von der Wehrmachtsseelsorge beider Konfessionen intensiv vertreten wurde. Dafür wurde der von den Machthabern geforderte ‚Heldentod‘ in das Heilsgeschehen vom Opfertod Jesu integriert und gleichsam christlich aufgeladen.“(S.131) Völlig aus dem Blick geriet dabei das massenhafte Töten feindlicher Soldaten und Zivilisten. „Da der ‚Opfertod‘ des Soldaten für die Sache des eigenen Volkes sogar in die Nähe der Passion Christi rückte, trat die Welt, die außerhalb der eigenen Gruppe lag, erst gar nicht in den Blick. Die Vernichtung des Gegners war in dieser Logik nur die natürliche Konsequenz der Liebe zur eigenen Mannschaft.“ (S.137)

Erleichtert wurde dies durch eine partielle Übereinstimmung mit den Kriegszielen der Politiker und Militärs. Der Bolschewismus galt auch den Kirchen als widergöttliches System, das zu bekämpfen manche als ‚Kreuzzug‘ deuteten. Pöpping fasst die kirchliche Stimmungslage so zusammen: „Der Krieg gegen die Sowjetunion entsprach christlichen Interessen. Er ließ sich nicht nur als christlicher Verteidigungskrieg rechtfertigen, sondern auch als christlicher Angriffskrieg zur Befreiung eines vom Kommunismus unterdrückten Volkes.“ (S.41) Begeisterte Berichte über wiedereröffnete Kirchen und nach Jahrzehnten wieder Gottesdienst feiernde Russen schienen diese Deutung zu bestätigen. Hitlers Politik war freilich eine andere. Schon im August 1941 verbot das Oberkommando der Wehrmacht Verbrüderung mit der einheimischen Bevölkerung ebenso wie die Nutzung oder Instandsetzung russischer Kirchen. Die NS-Politik zielte nicht auf einen ‚Kreuzzug‘ (der Begriff war staatlich verpönt), sondern auf die Versklavung oder Vernichtung der einheimischen Bevölkerung. Das blieb auf Dauer auch den Wehrmachtsseelsorgern nicht verborgen. Persönliche Berichte und Notizen beschreiben ungeschminkt die Ermordung von Kriegsgefangenen und jüdischen Zivilisten. Einzelne Stimmen dazu aus der Wehrmachtsseelsorge kommen einer Rechtfertigung durch klassischen Antijudaismus nahe; durchgängig lässt sich das jedoch nicht beobachten. Umgekehrt ist eine einzelne Protestaktion aktenkundig, an der die beiden späteren katholischen Weihbischöfe Josef Maria Reuss und Ernst Tewes sowie ihre damaligen evangelischen Wehrmachtspfarrer-Kollegen beteiligt waren. Gemeinsam versuchten sie durch eine Eingabe an einen Generalstabsoffizier die Ermordung von 90 verwahrlosten jüdischen Kindern zu verhindern – mit dem Hinweis, solche Aktionen gefährdeten die soldatische Disziplin und Manneszucht. Die Intervention blieb erfolglos.

Der Vorfall belegt jedoch ebenso wie manche recht offenen Tagebuch-Notizen, dass viele Pfarrer Bescheid wussten  über den Charakter des Vernichtungskrieges im Osten, von dem Ernst Tewes später erklärte: „Es war nicht unser Krieg.“(zit. S. 203) Umgekehrt drosselten die Nazis zunehmend die kirchliche Seelsorge; seit 1942 wurden keine neuen Kriegspfarrer mehr ausgebildet, frei werdende Stellen nicht mehr besetzt. Ab 1944 suchte man durch die Einsetzung von NS-Führungsoffizieren die Funktion der Pfarrer auf fanatisch-parteiliche ‚braune Politkommissare‘ umzulenken. „Rückblickend war manch ein Funktionsträger der Wehrmachtsseelsorge gar nicht so undankbar für deren Marginalisierung. Das entlastete vom Verdacht der ideologischen Verflechtung mit dem NS-Regime“ (S.30) Das Bild von einer politisch unbelasteten Wehrmachtsseelsorge machte dann auch ihren Wiederaufbau parallel zur Wiederbewaffnung der Bundesrepublik möglich, zum Teil mit dem gleichen Personal wie dem alten und neuen katholischen Militärgeneralvikar Georg Werthmann. Selbstkritische Töne unmittelbar nach 1945 waren rasch verhallt.

Sehr viel skeptischer ist das Fazit, das die Autorin am Schluss ihres Buches zieht: „Der theologische Umgang der Kriegspfarrer mit dem Krieg gegen die Sowjetunion verstellte eher den Blick auf Kriegsverbrechen und Völkermord, als dass  er ihn öffnete, denn er bediente sich einer Opfertheologie, die nicht das Töten des Feindes zum Thema machte, sondern das ‚Sich-Umbringen-lassen‘. Die Interpretation des Soldatentodes als Märtyrertod transzendierte das Kriegsgeschehen in einen heilsgeschichtlichen Vorgang, der einen eigenen Wert darstellte und noch der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein Deutungsmuster bot, das es ermöglichte, sich einer Opfergemeinschaft zugehörig zu fühlen. Eine Gesellschaft von Opfern aber konnte sich schon ihrer Definition nach nicht gleichzeitig für die Verbrechen, die in ihrem Namen geschehen waren, verantwortlich fühlen.“ (S.208) Das ist das Ergebnis einer außerordentlich materialreichen und sorgfältigen Untersuchung, die durch ausführliche Zitate privater Quellen ein sehr authentisches Selbstbild der Wehrmachtsseelsorge nachzeichnet und es klug analytisch einordnet. Dieses Buch gibt Denkanstöße nicht nur zur Diskussion über die Wehrmachtsseelsorge 1941-1945, sondern auch zum grundsätzlichen Nachdenken über Militärseelsorge. Schade, dass der hohe Preis manche potenziellen Leserinnen und Leser abschrecken mag.

Dagmar Pöpping, Kriegspfarrer an der Ostfront. Evangelische und katholische Wehrmachtsseelsorge im Vernichtungskrieg 1941-1945. Vandenhoeck &Ruprecht Verlag, Göttingen 2017. 275 Seiten. 70,00 €

Eine weitere lesenswerte Rezension von Peter Bürger finden Sie hier: <link http: www.lebenshaus-alb.de magazin>

www.lebenshaus-alb.de/magazin/010301.html

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