pax christi braucht eine neue, argumentativ konsistente Friedensstrategie mit einer universalistischen Perspektive
Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde von pax christi Rhein-Main,
"Friedensbewegung demonstriert laut und kraftvoll gegen aktuelle Kriege und drohende Eskalation ..." So resümierte das "Aktionsbündnis 3. Oktober 2026" in einer Pressemeldung, die auch das Sekretariat der Deutschen Sektion von pax christi verbreitete, die Demonstrationen am 3. Oktober in Berlin und Stuttgart. Verschiedenen Angaben nach sind 6.000 - 20.000 Menschen in Berlin und ca. 4000 - 15.000 in Stuttgart gegen Krieg und Hochrüstung auf die Straße gegangen. Gleich wie viele Teilnehmende es letztlich waren, ein kraftvoller Auftritt war es nicht - im Gegenteil. Für zwei Kundgebung die bundesweit, seit Monaten und von mehr als 300 Unterstützerorganisationen - so die Veranstalter – beworben wurden, ist dies eine äußerst bescheidene Mobilisierung.
Der Vorstand des pax christi Regionalverbandes Rhein-Main hat sich schon Ende Juli mit dem Aufruf des veranstaltenden Bündnisses "Nie wieder Krieg" für die beiden Demonstrationen beschäftigt und einstimmig beschlossen, diesen nicht zu unterschreiben und auch nicht zu diesen Demonstrationen aufzurufen. Der Aufruf verbreitet im Wesentlichen die Sichtweise des Kremls auf den Krieg in der Ukraine, schildert ausschließlich Völkerrechtsverstöße des Westens und benennt nur die Politik Europas und Deutschlands als verantwortlich für die Fortsetzung des Kriesges. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands, die Nichtbereitschaft Russlands zu wirklichen Verhandlungen sowie die massiven atomaren Drohungen russischer Vertreter gegenüber Europa werden weder erwähnt noch verurteilt (etwas ausführlichere Begründung siehe unten). Zudem enthält der Aufruf keinerlei konstruktive Vorschläge für Initiativen, um einem gerechten Frieden näher zu kommen bzw. keine konkreten Ideen für zivilgesellschaftliche Aktivitäten, um eine europäische Friedensordnung vorzubereiten.
Der Bundesvorstand von pax christi Deutschland hat nach kontroverser Diskussion beschlossen, sich einem zweiten, in einigen Punkten veränderten Aufruf (siehe Website von pax christi Deutschland) anzuschließen und zu den Demonstrationen am 3. Oktober aufzurufen, um "ein bundesweit starkes Zeichen zu setzen". Der ursprüngliche Aufruf wurde vom Bündnis unverändert für die Mobilisierung genutzt.
Der Vorstand des pax christi Regionalverbandes Rhein-Main hält dies für ein eindeutig falsches Zeichen. Da die Demonstrationen öffentlich fast vollständig durch den Hauptaufruf sowie die Redner:innen in Berlin und Stuttgart geprägt waren, kann ein Aufruf zu diesen Demonstrationen nur als Unterstützung russischer Regierungsnarrative wahrgenommen werden, wie sie von BSW, DKP und ihren Unterstützer:innen durchgesetzt wurden. Es bleibt uns unverständlich, worin die Gemeinsamkeit von pax christi mit vom BSW dominierten Aktivitäten bestehen soll – einer Partei, die sich nicht zuletzt gerade als Steigbügelhalterin der rechtsextremistischen AfD geriert.
Wenn pax christi und auch andere Friedensorganisationen wirklich Beiträge für eine neue Friedensordnung leisten und überzeugende Mobilisierung mit gesellschaftspolitischer Relevanz erreichen wollen, dann sollten wir uns dringend
- mit den Dynamiken der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen analytisch neu auseinandersetzen
- diskutieren, was wir als zivilgesellschaftliche Organisation(en) konkret zur Förderung von "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" mit dem Ziel "eines guten Lebens für alle" beitragen können
- die Vision einer neuen internationalen Friedensordnung zumindest in Ansätzen entwickeln.
Oder anders formuliert: Wir sollten uns um eine neue faktenbasierte, inhaltlich konsistente Friedensstrategie mit einer universalistischen Perspektive und klarer völkerrechtlicher Ausrichtung ohne Doppelstandards bemühen.
Als ersten kleinen Beitrag in dieser Richtung wird der pax christi Regionalverband Rhein-Main unter Federführung der Projektgruppe "Friedenspolitik" im Regionalverband 2027 eine Veranstaltungsreihe zu unterschiedlichen friedens- und sicherheitspolitischen Themen mit Expert:innen anbieten, um unsere Analyse zu schärfen und miteinander neue Handlungsoptionen zu diskutieren.
Über Rückmeldungen zur Stellungnahme und Unterstützung unserer geplanten Veranstaltungsreihe freuen wir uns.
pax et bonum - Frieden und alles Gute
Susanne Margraf-Epe (Co-Vorsitzende), Thomas Meinhardt (Co-Vorsitzender), Paul Arthen (Geschäftsführer), Beate Denfeld (Geistliche Beirätin), Rosemarie Royen (Beisitzerin), Alois Bauer (Beisitzer), Richard Hartmann (Beisitzer), Michael Preis (Beisitzer), Thomas Wagner (Beisitzer)
Auszug aus dem Schreiben des pax christi Regionalverbandes an die Mitglieder des Bundesvorstandes Ende September 2026
In einem Brief an den Bundesvorstand begründeten wir dies wie folgt: "Der Aufruf zu den Demonstrationen zeichnet ein vollständig einseitiges Bild der aktuellen Situation: Es werden richtigerweise detailliert völkerrechtswidrige Handlungen westlicher Staaten benannt. Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wird dagegen weder benannt oder gar verurteilt. Für die Verlängerung des Krieges gegen die Ukraine werden ausschließlich Deutschland, die EU und die NATO verantwortlich gemacht, die völkerrechtswidrigen Angriffe Russlands vor allem auf zivile Ziele und die Infrastruktur in der Ukraine werden ignoriert. Auch die von hohen russischen Regerierungsvertretern immer wieder völlig offen geäußerten militärischen Drohungen - bis hin zur Androhung von Atomwaffeneinsätzen auf europäische Städte - gegenüber europäischen Staaten, die zahlreichen hybriden Angriffe auf europäische Infrastruktur, die selbsterklärte neoimperiale Agenda Putins, einen souveränen ukrainischen Staat nicht zuzulassen, sowie nur zu seinen Maximalforderungen überhaupt für Verhandlungen bereit zu sein, bleiben schlichtweg unerwähnt. Keine Erwähnung finden auch die Kriegsverbrechen und die militärische Unterstützung von Terrororganisationen wie der sudanesischen RSF-Miliz oder der Militärdiktaturen in Westafrika etc. jeweils durch das "Russische Afrikacorps", die frühere Wagner-Gruppe. ...
Wer solche Doppelstandards anwendet, der macht sich völlig unglaubwürdig bei der berechtigten Kritik an den Doppelstands der Bundesregierung bezüglich us-amerikanischen Verhaltens.
Wer wie im Aufruf zu den Demonstrationen einen Teil der zentralen Fakten schlichtweg ignoriert und kein Gesamtbild mit einer universalistischen Perspektive ohne Ausnahme formuliert, der verbreitet nur Ideologie, marginalisiert sich selber in der gesellschaftlichen Debatte und trägt schlichtweg nichts dazu bei, dringend nötige Friedensstrategien zu entwickeln bzw. konkrete Schritte dazu zu formulieren.
Auch sehen wir im vorliegenden Aufruf keinerlei Empathie für oder gar Solidarität mit den Opfern, der Zivilbevölkerung in der Ukraine.
Nicht zuletzt wird am Ende des Aufrufes gefordert: "Stopp aller Wirtschaftssanktionen und Waffenlierungen!". Schon alleine diese Formulierung müsste eine Beteiligung von pax christi verbieten, da die Forderung nach einem Stopp der Wirtschaftssanktionen der auf der letzten Delegiertenversammung 2025 formulierten Beschlussfassung "Der russischen Kriegswirtschaft das Geld entziehen" diametral entgegensteht!"
