Der Titel dieser Rezension ist einerseits der Untertitel des besprochenen Buches, andererseits so etwas wie das Fazit zu einem Provinzdrama in Sachsen, das bundesweit Schlagzeilen machte. 2015 trat in dem kleinen sächsischen Ort Tröglitz der Ortsbürgermeister zurück. Denn seit der Ort vom Kreistag zur Aufnahme von 50-70 Flüchtlingen auserkoren war und der Bürgermeister versuchte, dies menschlich zu organisieren und nicht einfach abzuwehren, häuften sich Demonstrationen gegen die – noch unbekannten – Neuankömmlinge und zunehmend auch gegen den Bürgermeister. NPD-Leute machten sich zu Sprechern für die skeptische, aber auch kaum sprachfähige Mehrheit und bereiteten schließlich eine Demo vor dem Privathaus des Bürgermeisters vor. Als dies von den zuständigen Behörden des Kreises genehmigt wurde, trat der unter Protest von seinem Ehrenamt zurück. Der Vorgang wurde über die bundesdeutschen Grenzen hinaus bekannt, und als wenig später noch die vorgesehene Unterkunft abgefackelt wurde, sahen viele in Tröglitz den Inbegriff bigotter Fremdenfeindlichkeit. Was man in Sachsen nicht den bis heute unbekannten Brandstiftern, sondern den Medien und dem Bürgermeister anlastete.
In seinem Buch versucht nun eben dieser betroffene ehrenamtliche Kommunalpolitiker, der evangelische Theologe Markus Nierth, die Ereignisse von Ende 2014 bis 2016 nachzuzeichnen und zu reflektieren, warum es so gekommen ist wie es gekommen ist. Und er denkt weiter darüber nach, in welchen Punkten andere gesellschaftlich-politische Vorgehensweisen vielleicht die Dinge in eine andere Richtung hätten lenken können. Was lief aus seiner Sicht falsch? Das lange Schweigen der Behörden, so Nierth, ermöglichte es den Fremdenfeinden von der NPD, sich als Aufklärer über die Pläne von „da oben“ aufzuspielen. Desinteresse und Formalismus der Behörden machte es leicht, den störenden Bürgermeister persönlich zu anzugreifen. Es fehlte an starken gesellschaftlichen Gegenkräften, örtlichen Prominenten wie Institutionen, die sich den Demagogen von rechts entgegenstellten.
Dass es auch anders gehen kann, zeigt der Autor am Beispiel einer Kampagne von CSU-Funktionären gegen den schwarzafrikanischen Ortspfarrer der bayerischen Gemeinde Zorneding. Anders als in Sachsen solidarisiert sich die Kirchengemeinde, einschließlich vieler CSU-Mitglieder, mit dem angegriffenen Pfarrer, auch das Erzbischöfliche Ordinariat München. Die pöbelnden Fremdenfeinde finden wenig Resonanz in der Bevölkerung, schließlich distanzieren sich auch übergeordnete CSU-Stellen bis hin zu Androhung des Parteiausschlusses. Die Zivilgesellschaft spricht für sich selbst und erlaubt es niemandem, sich als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit zu inszenieren.
Genau darum geht es Markus Nierth in seinem Buch. Es kann im Wortsinn „brandgefährlich“ sein, wenn eine – durchaus starke – fremdenfeindliche Minderheit keinen Gegenwind aus einer wachen und kritischen Zivilgesellschaft bekommt. Das Fallbeispiel Tröglitz zeigt das mit beklemmender Schärfe. Umso wichtiger ist diese sorgfältige Beschreibung und Analyse eines Betroffenen, zumal der sich nicht in Klagen erschöpft, sondern Wege alternativen politischen Handelns andenkt. Ein im besten Sinne aufrüttelndes Buch.
Markus Nierth/Juliane Streich: Brandgefährlich. Wie das Schweigen der Mitte die Rechten stark macht. Christoph Links Verlag Berlin 2016. 215 Seiten. 18 €
<link http: www.christoph-links-verlag.de external-link-new-window external link in new>12.01.2017, 19:30 Uhr
Buchvorstellung und Gespräch im Haus an der Marktkirche, Schlossplatz 4, 65183 Wiesbaden
<link https: www.youtube.com hab vor schmerz und wut>Interview mit dem Ex-Bürgermeister von Tröglitz: "Ich hab vor Schmerz und Wut gebrüllt"
